Berlin : Wohnen im Alter: Die Seniorenwohnungen kommen langsam aufs Altenteil

Rainer W. During

Ein Bett, ein Tisch, zwei kleine Sessel, eine Mini-Schrankwand und ein Fernseher - mehr passt nicht in die gute Stube von Martha B. (Name von der Redaktion geändert). 31 Quadratmeter, zu denen auch noch Bad, Flur, Küche und Balkon zählen. 259,60 Mark kostete die Miete, als die Rentnerin 1981 in ein Spandauer Seniorenwohnhaus zog. Heute zahlt die 87-Jährige für ihr Mini-Zuhause stolze 466,61 Mark. Zu vergleichbaren Preisen gibt es längst besser ausgestattete Angebote auf dem freien Markt. So stehen immer mehr städtische Seniorenwohnungen in Berlin leer, kosten die öffentliche Hand einen Millionenbetrag.

600.000 Mark sind für Martha B., die von gut 1200 Mark Rente im Monat leben muss, eine unvorstellbare Summe. Diesen Betrag zahlt der Bezirk jährlich als Ausfallgeld an die Wohnungsbaugesellschaften, sagt Thomas Fischer vom Sozialamt. 120 der 1067 Seniorenwohnungen warten auf neue Mieter, damit gehört Spandau zu den Spitzenreitern in Berlin. Jetzt, versucht man, durch die Zusammenlegung von Einraumapartments zu Zwei-Zimmer-Wohnungen Ehepaare als neue Mieter zu gewinnen.

Ähnlich sieht es in anderen Bezirken aus. In Reinickendorf sind 64 von 1253 Seniorenwohnungen frei. In Friedrichshain-Kreuzberg sind es 34 von 733, in Neukölln etwa 80 der rund 1900 Apartments. Die Sachbearbeiterin für Steglitz-Zehlendorf hat keine genauen Zahlen parat, schätzt aber den Leerstand auf zehn Prozent. Mit Ausnahmegehmigungen wird hier ein Teil der Wohnungen inzwischen auch jüngeren Interessenten angeboten. Ungebrochen ist die Nachfrage im mit Wedding und Tiergarten vereinten Regierungsbezirk Mitte, wo von 1180 Wohnungen nur sechs zu haben sind.

Im eingemauerten Westberlin mit seinem ebenso begrenzten wie teuren Wohnungsangebot waren die Seniorenwohnhäuser - durch die Bezirksämter jeweils komplett von den Wohnungsbaugesellschaften angemietet - ein Hit. Für die große Zahl von alten Menschen mit kleiner Rente waren die Miniapartments unter einem Dach mit Gemeinschaftsräumen oft ohne Alternative. Heute hat sich das geändert, ist auch die einst gepriesene Betreuung durch Sozialarbeiter meist nur noch sporadisch gewährleistet. Bei einer Warmmiete, die in Reinickendorf zwischen 450 und 700 Mark liegt, sind die Seniorenwohnhäuser kaum noch konkurrenzfähig.

Wegen der hohen Leerstandskosten erwägen manche Bezirke bereits, die Generalmietverträge nicht zu verlängern. "Wir brauchen Senioreneinrichtungen auf neuestem Stand", sagt Mittes Sozialstadtrat Hans Nisblé (SPD). Häufig fehlten in den Wohnungen Duschen oder Badewannen: Der Sanitärbereich umfasste häufig lediglich Toilette und Handwaschbecken. Viele Bewerber rümpften bei der Besichtigung der Wohnungen aus den sechziger Jahren die Nase. Bei den Wohnungsbaugesellschaften stellt man sich auf die neue Situation ein. Seniorenheime vom Typ "Berlin" werden derzeit noch bis zum Jahr 2002 mit einem Gesamtaufwand von rund 390 Millionen saniert und modernisiert. Die ersten Häuser - in Lichtenberg, in Friedrichshain und in Mitte - wurden bereits 1998 fertiggestellt. Errichtet wurden sie im Osten der Stadt zwischen 1974 und 1989. Dem Effizienzstreben im Wege stand vor allem der große Saal, der in der Mitte jedes der "Berlin"-Heime zwei Etagen beanspruchte. Der Saal blieb in diesem Bautyp erhalten - weil er neben seiner gemeinschaftsstiftenden Funktion innerhalb des Hauses auch wesentlich für den Kontakt nach außen ist.

Anderenorts denkt man denkt an die Umgestaltung der Gemeinschaftsräume und die Modernisierung der oftmals noch nicht einmal behindertengerechten Zugänge, so Ulrich Fiedler von der Degewo. Dadurch würden keine wesentlichen Mieterhöhungen entstehen. Realisiert man allerdings ein sozio-kulturelles Programm und einen rund um die Uhr besetzten Notruf, entstehen Zusatzkosten. Bei der zuständigen Senatsverwaltung prüft deshalb eine Arbeitsgruppe, ob Betreuungsangebote auch nach einer Privatisierung der Seniorenwohnhäuser staatlich bezuschusst werden könnten.

Für Martha B. dürften diese Bemühungen zu spät kommen. Vor einigen Monaten hatte noch auf eine Verbesserung ihrer finanziellen Lage gehofft. Sie hatte überraschende Post von Peter Strieder bekommen. Der Stadtentwicklungssenator teilte der staunenden Seniorin höchstpersönlich mit, dass sich der Senat erfolgreich für eine Anhebung des Wohngeldes eingesetzt habe. Erfreut las die Betagte, dass sie nach der Änderung des Berliner Wohngeldgesetzes mit einer "deutlichen Leistungssteigerung" rechnen könne.

Erwartungsfroh öffnete die Spandauerin dieser Tage den neuen Wohngeldbescheid und war geschockt. Statt dem Zuschlag gab es eine Kürzung um 22 Mark. Stolze 21 Mark hatte die letzte Rentenerhöhung ausgemacht, jetzt hat Martha B. monatlich eine Mark weniger im Portemonnaie. Alles korrekt, weil sich die Bemessungsgrundlagen ebenfalls geändert haben, so das zuständige Wohnungsamt. Auf der Jagd nach Wählerstimmen hat sich der Senator mit seinem werbewirksamen Rundschreiben wohl etwas weit aus dem Fenster gelehnt.

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