Wohnen in Berlin : Wie die Stadt besser durchmischt werden kann

Wie können Innenstädte lebendig bleiben, Clubsterben verhindert werden, Wohnen bezahlbar sein? Bei einer Podiumsdiskussion zeigte sich: Leicht wird es nicht.

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Den Nachbarn wurde es zu laut, deswegen musste der Knaack-Club in Prenzlauer Berg schließen.
Den Nachbarn wurde es zu laut, deswegen musste der Knaack-Club in Prenzlauer Berg schließen.Foto: Thilo Rückeis

Die deutlichen Worte fallen gleich zu Beginn. „Wir brauchen in Berlin natürlich Bebauungspläne, die zusätzliche Flächen zur Nutzung ausweisen. Bei einem Bevölkerungswachstum von 40.000 bis 50.000 Menschen pro Jahr benötigen wir nicht nur Wohnungen, sondern auch Gewerbeflächen“, sagte Bauunternehmer Stefan Klingsöhr am Montagabend auf einer Podiumsdiskussion in der Urania am Wittenbergplatz. Der Druck auf die Bezirke innerhalb des S-Bahn-Rings ist groß.

Unter dem Titel „Die Berliner Mischung – Stadtentwicklung gegen Monostrukturen“ hatten der Tagesspiegel und die Architektenkammer Berlin am Montagabend zum Gespräch eingeladen. Wie lässt sich trotz Verdrängung und Entmischung im Berliner Zentrum die Vielfalt, mit Wohn- und Geschäftshäusern, belebten Erdgeschossen auch in Neubauquartieren, erhalten? Ist der Preis für Lebendigkeit mehr Lärm? Mit Unternehmer Klingsöhr diskutierten dazu die Pankower Bezirksstadträtin für Wirtschaft und Soziales, Rona Tietje (SPD), Joachim Sichter von der Stadtentwicklungsverwaltung sowie Stadtplaner Günther Baasner. Tagesspiegel-Redakteur Gerd Nowakowski moderierte das Gespräch.

Berlin - die umgebaute Stadt
Bunte Heimat: Die Wohnanlage "Hofgarten" im Weddinger Brunnenviertel nach ihrer Sanierung durch die Wohnungsbaugesellschaft Degewo.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Jens Rötzsch
26.08.2010 17:38Bunte Heimat: Die Wohnanlage "Hofgarten" im Weddinger Brunnenviertel nach ihrer Sanierung durch die Wohnungsbaugesellschaft...

„Wir brauchen vor allem einen Mentalitätswechsel. Wohnen und Gewerbe in unmittelbarer Nähe sind auch ein Wert“, sagte Tietje. Es sei üblich geworden, dass Vermieter Nutzungskonflikte von vornherein umgingen. Ein Beispiel sei das Theater ohne Namen am Kollwitzplatz, dem nach 20 Jahren gekündigt wurde – nachdem sich Nachbarn über Lärm beschwert hatten.

Vor allem Clubs werden aus dem Zentrum gedrängt

Entmischung und Verdrängung sind in Innenstadtlagen keine Seltenheit. Zunehmend werden vor allem Gaststätten und Clubs an den Stadtrand gedrängt. Konflikte treffen selbst etablierte Einrichtungen, etwa das traditionelle Winzerfest „Rheingauer Weinbrunnen“ auf dem Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf, das nach der Lärmschutzklage eines einzelnen Anwohners 2014 zwischenzeitlich gefährdet war. Oder der Knaack-Club in Prenzlauer Berg, der 2010 nach 59 Betriebsjahren schließen musste, weil es anhaltende Konflikte mit zugezogenen Anwohnern gab.

Mittlerweile stellt sich auch in den Außenbezirken verstärkt die Frage der Durchmischung. Im Wahlkampf lautete einer der gängigen Sätze von Rona Tietje: „Pankow darf keine Schlafstadt werden.“ Und anders als Bauunternehmer Klingsöhr sieht die Bezirksstadträtin bereits einen großen Druck in der Peripherie, wo es Flächen gebe, die entwickelt werden sollen. Allerdings: „Bei den Flächen, die als Gewerbegebiet vorgesehen sind, stellt sich zunehmend die Frage einer Nutzung als Wohngebiet“, gibt Tietje zu.

Seit März gibt es im Baurecht neben den bestehenden Kategorien „Gewerbe“ und „Wohngebiet“ auch „Urbanes Gebiet“. Kommunen sollen damit künftig nicht nur in zentralen Lagen stärker nachverdichten können, sondern auch das Nebeneinander von Gewerbe, Freizeit und Wohnen erleichtert werden. Ein geeignetes Werkzeug, um eine lebendige Stadt zu erhalten? „Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung und erweitert den Katalog dessen, was wir bauen dürfen“, sagte Joachim Sichter, der in der Senatsverwaltung für die Planung von Wohnungsneubau zuständig ist.

Später kam auch das Publikum zu Wort. Kann die Stadt das lokale Gewerbe auch fördern? „Eine Debatte über Subventionierung gerade angestammter Unternehmen würde ich mir wünschen“, sagt Tietje. Doch auf Bezirksebene sei dies nicht zu leisten.

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