Sie bekamen Schallschutzfenster, dick wie Oberschenkel

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Wohnen in der Einflugschneise von Tegel : "Ich gehe an diesem Flughafen kaputt"
Horst und Charlotte Titius
Horst und Charlotte TitiusFoto: Sven Darmer

Das Dasein an einer Start- und Landebahn übersteht man vielleicht nur, indem man wie Horst Titius möglichst nicht aus dem Haus geht und sich nicht im Garten aufhält, was natürlich absurd ist, wenn man ein Haus und einen schönen Garten hat. Im Wohnzimmer hängen mehrere Geigen an der Wand, Horst Titius kann sie zwar nicht spielen, aber er findet es beruhigend, sie anzuschauen. Er hat sie auf dem Flohmarkt gekauft.

Natürlich gab es Bürgerinitiativen gegen den Fluglärm, die Politik und die Flughafengesellschaft wollten sie umsiedeln nach Heiligensee. Und viele sind auch gegangen, die wenigsten geblieben. Es hat sich Gewerbe an der Straße angesiedelt, Kfz-Werkstätten, Dachdecker, Schornsteinreiniger und Parkplatzbetreiber, die ihren Gästen einen exklusiven Shuttle-Service zum Flughafen bieten. Und neben ihrem Haus hat die bosniakische islamische Gemeinde aus einem hässlichen Funktionsgebäude, das Titius seitlich die Sicht versperrt, eine Moschee gemacht.

Durch die Höhe des Nachbarhauses sieht Titius die Flugzeuge nicht mehr wie früher langsam näherkommen, sondern erst, wenn sie schon direkt über ihm sind. Es gibt also keine Vorwarnung, es scheppert gleich. Es reißt einem das Nervenkostüm auseinander.

Charlotte und Horst Titius wollten nie umgesiedelt werden. Sie bekamen Schallschutzfenster, die so dick sind wie Oberschenkel. In den 80er und 90er Jahren waren die Flugzeuggeräusche noch sehr viel lauter, weil die Technik noch nicht so weit war. Die von den Airlines ausgelösten Luftwirbel lockerten überall in der Einflugschneise Dachziegel, auch bei Horst Titius. Da ging er noch auf die Barrikaden und wandte sich an die örtliche Presse, die titelte: „Herrn Titius reicht’s.“

Die Geschichte des Flughafens Tegel in Bildern
Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten davor. Oben im Bild Flughafensee (rechts, der kleine) und der Tegeler See. Unten die Kleinanlagen zwischen Piste und Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal.Weitere Bilder anzeigen
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02.02.2017 09:45Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten...

Dreimal hat Titius sein Dach selbst repariert und bezahlt. Sein Bruder hielt das Seil, das notdürftig um den Schornstein geschlungen war, und Titius drapierte die neuen Dachziegel. Damals haben sie noch die Polizei gerufen, aber die konnten auch nichts tun. Also haben sie beim Flughafen angerufen, die haben nur nach der Fluggesellschaft gefragt und behauptet, man habe selbst keine rechtliche Handhabe.

Beim vierten Mal hat der Flughafen ihnen einen Dachdecker geschickt. Der sagte, das Dach sei „nicht geklammert“, das mit den abfallenden Dachziegeln könne deshalb jederzeit wieder passieren. Nur sogenannte Dachklammern würden bei hohen Windlasten das Abrutschen der Dachziegel verhindern.

Titius rief sofort wieder beim Flughafenchef an, der kannte ihn schon, damals war das noch möglich im alten West-Berlin. Und dann hat Titius dem Dachdecker das Telefon gegeben, der hat es dem Flughafenchef erklärt, und der entschied: Wir bezahlen das! Seitdem ist Ruhe – zumindest was die Dachziegel betrifft.

Der Rest ist eine Lärmkatastrophe.

Denn seit Tegel auffangen muss, was der BER im Süden hätte bewältigen sollen, starten oder landen alle zwei bis drei Minuten die Flugzeuge vor Titius Haus. An normalen Vormittagen. Ostwind heißt starten, Westwind landen. „Starten ist lauter“, sagt Titius. 486 Starts und Landungen pro Tag sind üblich. In der Meteorstraße steht ein Lärmmessgerät: Im April 2017 ist der Lärmpegel mehr als 4000 Mal über 90 Dezibel gestiegen, das entspricht dem Geräusch eines Presslufthammers. Durchschnittlich wurden, nicht nur in diesem Monat, knapp 70 Dezibel erreicht, das heißt in der Lärmdefinition: laut bis sehr laut. In diesem April wurden 13.896 Flugbewegungen gemessen, allein 1031 nachts. Das Nachtflugverbot, das eigentlich zwischen 23 Uhr und sechs Uhr morgens gilt, wurde durch viele Ausnahmeregelungen längst aufgeweicht.

Draußen herrscht ein permanenter Ausnahmezustand

Drinnen im abgedichteten Haus ist immer nur ein kurzes, abruptes Kreischen zu hören, draußen dagegen herrscht permanenter Ausnahmezustand für Körper und Geist.

Aber eines Tages, im April 2010, war plötzlich alles anders, Charlotte und Horst schauten sich an und haben gegrübelt. Irgendetwas stimmte nicht. Jemand hatte die Flugzeuge aus ihrem niedrigen Himmel entfernt. Sie bekamen eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn eines gar nicht mehr so fernen Tages Stille draußen herrschen würde. Und es gab auch einen Verantwortlichen für diesen merkwürdigen Umstand, der trug einen eigenartigen Namen, wie sie später erfuhren, nämlich Eyjafjallajökull und war ein Vulkan auf Island. Die riesige Aschewolke, die er ausspie, hatte den nordeuropäischen Flugverkehr lahmgelegt. Auch von Tegel flog kein Flugzeug ab. Titius schwärmt noch heute: „Es war wie im Paradies. Ich dachte, ich schwebe.“

Horst Titius spricht nicht gern über seine tief verborgenen Ängste. Aber sie sind da, sie haben sich ausgebreitet wie ein Krebsgeschwür. Erst waren es nur die Freunde, die nicht mehr zu Besuch kamen, weil man es vor Lärm einfach nicht ausgehalten hat beim Grillen. Dann tauchte im Kopf von Horst Titius ein Gedanke so plötzlich auf wie die Flugzeuge über seinem Dach – aber der Gedanke verschwand nicht mehr: Was ist, wenn so ein Ding mal beim Starten abstürzt?

Airberlin will lieber gleich in Tegel bleiben, falls der Flughafen offen bleiben sollte, und nicht zum BER umziehen.
Airberlin will lieber gleich in Tegel bleiben, falls der Flughafen offen bleiben sollte, und nicht zum BER umziehen.Foto: Paul Zinken/dpa

Manchmal hat man das Gefühl, dass man die Flugzeuge berühren könnte, wenn man ganz hoch springt. Eine Illusion. Dafür kann man Triebwerk, Motoren und Namen der Fluggesellschaft genau studieren, und wird sehr gut darin, die einzelnen Flugzeugtypen zu unterscheiden. Ein Trost ist das nicht. Draußen im Angesicht der „fliegenden Ungetüme“ verändert sich der Körper automatisch.

Horst Titius trägt vor dem Haus immer einen dicken Ohrenschutz wie ein Bauarbeiter. Normale Ohrstöpsel helfen nichts. Aber seine Ohren entzünden sich trotzdem andauernd, weil sie schwitzen und sich offenkundig Flüssigkeit bildet, die zu Entzündungen führt. Der Ohrenarzt fragte ihn einmal, wo er denn wohne. Als Titius antwortete, verstand der Arzt und schüttelte nur mitleidig mit dem Kopf. Alle Ärzte, die Titius aufsucht, tun das.

Die Ohren sind das eine, die Nerven das eigentliche Problem. Wenn man beispielsweise nachts nicht schlafen kann wie Titius oft, weil die Postmaschine über einen hinwegdonnert oder die Furcht einen überkommt, dass man es einfach nicht mehr schafft, mit dieser Lage umzugehen, dann verändert sich das Gemüt. Horst Titius wurde wütender, immer wütender.

"Allein gelassen, belogen und betrogen"

Ungläubig fragt Titius, ob es wirklich so sei, dass bei der kommenden Bundestagswahl gleichzeitig der Volksentscheid über den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel stattfinde. Er kann es nicht fassen, aber er hat ja gelesen, dass ausgerechnet zwei Drittel der Reinickendorfer für die Offenhaltung des Flughafens sind, obwohl sie betroffen seien. Seine Erklärung: „Die wollen es alle nur bequem haben.“

Charlotte schaut jetzt ein wenig besorgt zu ihm herüber, sie merkt, dass die Wut schon wieder in ihm aufsteigt. Und Titius, der gerade noch sanft lächeln konnte, weil er es „so schön findet, wie Lotti die Dinge erklärt“, sagt mit zerknittertem Gesicht: „Ich bin so enttäuscht, ich fühle mich so allein gelassen, belogen und betrogen.“

Weil sie nicht wissen, ob sie wirklich noch erleben werden, dass der Flughafen schließt, haben die Titius’ über ihr Erbe bereits beraten, haben beschlossen, wie es mit dem Haus weitergehen soll. Weil sie keine Kinder haben, es sollte nicht sein, soll mit dem Eigentum anderen Menschen geholfen werden. Auch darüber wollen sie nicht reden.

Man fragt sich, wer wollte ein solches Haus in dieser Horrorlage auch nur geschenkt haben?

Aber die Lage kann sich noch wenden, und dann wiederum hätte sich das Verharrungsvermögen der Titius ausgezahlt, selbst wenn sie selbst nicht mehr wären.

Damals, als er seine Frau kennengelernt hat, ist er mit seinem Auto auf dem Sandweg hier in der Planetensiedlung immer mit laut aufheulendem Motor auf und abgefahren. Hat angegeben vor ihr, und Charlotte fühlte sich gut dabei. Jetzt sitzen sie stumm in der Küche, 49 Jahre verheiratet, und wissen, dass sie eines geschafft haben.

Dieser Flughafen konnte ihre Beziehung belasten, er wird sie aber niemals zerstören.

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