Wohnen : Makler ignorieren den Mietspiegel

Viele Berliner zahlen schon die Hälfte ihres Einkommens für Wohnkosten. Die Branche lehnt aber Preisgrenzen bei Neuverträgen ab.

Ralf Schönball

Wer eine neue Wohnung in Berlin sucht, muss im Durchschnitt 5,80 Euro pro Quadratmeter Miete bezahlen – zuzüglich Nebenkosten. Das sind rund 20 Prozent mehr als der Durchschnittswert laut Mietspiegel. Und die Mieten stiegen in „einzelnen prominenten Lagen“ wie zum Beispiel dem Bayerischen Viertel in Schöneberg um mehr als fünf Prozent im letzten Jahr. Dies zählt zu den wichtigsten Ergebnissen des „Marktmietspiegels“, den der Immobilienverband Deutschland (IVD) gestern vorgestellt hat.

Grundlage dieser Erhebung sind die Mieten aus 500 neu abgeschlossenen Verträgen sowie aus Gesprächen der IVD-Makler mit Sachverständigen für Grundstückswerte. Anders als beim Mietspiegel fließen in diesen Bericht also keine Mieten aus bereits länger bestehenden Verträgen ein. Trotz der teilweise deutlichen Mietsteigerungen in der Stadt sagte der Berlin-Chef des IVD, Dirk Wohltorf: „Es gibt keine Wohnungsnot in Berlin“. In Bezirken wie Spandau und Reinickendorf gingen die Mieten sogar zurück.

Bedenklich ist die Höhe der neu abgeschlossenen Mietverträge allerdings gemessen an der geringen Kaufkraft der Berliner: Die „Mietbelastung der Haushalte“ beträgt dem Bericht zufolge in Friedrichshain-Kreuzberg 46,3 Prozent. Das bedeutet, dass dort ein Bewohner, der über die ortsübliche Kaufkraft verfügt, als Neumieter fast die Hälfte seines Einkommens für Wohnkosten aufbringen muss. Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf und in Pankow/Prenzlauer Berg beträgt die Mietbelastung fast 40 Prozent. Als angemessen gelten 25 bis 30 Prozent.

Bezirke mit besonders stark steigenden Mieten nennen die Makler „Aufsteiger“: Dazu zählen Kiezlagen in Friedrichshain-Kreuzberg, die Umgebung des Kurfürstendamms sowie „Schöneberger Toplagen“. Die im Durchschnitt höchsten Mieten Berlins werden in der Dorotheenstadt und im Scheunenviertel bezahlt (13 Euro je Quadratmeter und Monat), im Gebiet zwischen Olivaer Platz und Gedächtniskirche (12,50 Euro) sowie in Dahlem und Grunewald (zwölf Euro). Am Potsdamer Platz werde sogar für 25 Euro vermietet. Dagegen gehen die Mieten in einfachen Lagen von Wedding, Spandau (5,40 Euro) und Reinickendorf (5,70 Euro) um drei Prozent zurück.

„Wir wollen mit dem Bericht richtigstellen, dass der Mietspiegel nicht für neu abgeschlossene Mietverträge gilt“, sagte IVD-Gutachter Andreas Habath. Mit dem offiziellen Mietspiegel werden Mieterhöhungen bei laufenden Verträgen begründet. Viele Wohnungssuchende hatten sich beim Maklerverband beklagt, weil ihnen IVD-Makler Wohnungen zu höheren Mieten angeboten hatten, als diese laut Mietspiegel kosten dürften. Da es in Berlin aber nach Auffassung der Makler und des Senats keine „Mangellage“ am Wohnungsmarkt gibt, seien die um über 20 Prozent höheren Mieten im Vergleich zum Mietspiegel angemessen.

Der IVD spricht sich deshalb gegen die Begrenzung der Mieten aus, die politisch diskutiert wird. Es gebe bereits eine „absolute“ Obergrenze, die Mieten von 50 Prozent über dem „Ortsüblichen“ verbieten würden. Dem widerspricht der Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins, Hartmann Vetter: „Das stimmt leider nicht, weil eine individuelle Notlage so gut wie nie vorkommt.“ Eine Preisgrenze gebe es bei Neuvermietungen nicht. Ralf Schönball

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