Berlin : Wohnkollektiv sitzt auf der Straße

Nach dem Brand in der ehemals besetzten „Rigaer 84“ hausen 48 Menschen auf dem Bürgersteig. Sie suchen ein Ersatzquartier

Sebastian Rothe

Die ehemaligen Besetzer der Rigaer Straße 84 sitzen vor der Tür. Vor dem bunt bemalten Haus stehen Sofas, Sessel, Stühle und Tische auf dem Bürgersteig. Der steinige Untergrund ist mit Teppichen ausgelegt, die ehemaligen Bewohner des Hausprojekts lümmeln in ihrem Freiluftwohnzimmer oder schmücken den Wohnzimmerbaum.

Doch die vorsommerliche Idylle im Friedrichshainer Nordkiez täuscht. „Wir wollen ein Ersatzobjekt – sofort“, steht auf Transparenten am Bauzaun, der eigentlich als Absperrung dienen sollte. Die Bewohner des Hausprojekts im ehemals besetzten Haus Rigaer Straße 84 suchen eine neue Bleibe. Das Haus war bei einem Dachstuhlbrand in der Nacht des 29. Mai durch Feuer und Löschwasser stark beschädigt worden. Die Brandursache war zunächst unklar. Nach Angaben der Polizei gibt es mittlerweile jedoch konkrete Hinweise auf eine Brandstiftung. Das Landeskriminalamt ermittelt.

Was immer dabei herauskommen wird, die 48 Bewohner stehen erst einmal auf der Straße. Abgesehen von der Bergung unbeschädigter Einrichtung und persönlicher Gegenstände gab es für sie im Haus selbst nicht mehr viel zu machen. Wohnen werden sie dort vorerst nicht können. Schätzungsweise anderthalb Jahre wird es bis zur Instandsetzung dauern. Das Wohnen unterm Sternenhimmel soll aber nicht zur Dauerlösung werden. In einer offiziellen Stellungsnahme hieß es: „Es ist uns wichtig, weiterhin zusammenzuleben, gemeinschaftlich Politik zu treiben und das kulturelle Leben auf unsere eigene Art zu bereichern. Dazu fordern wir Raum. In unserem Haus.“

Gerade in Anbetracht des Verkaufs des autonomen Wohn- und Kulturprojekts „Köpi“ in der Köpenicker Straße in Mitte und der Schließung diverser anderer alternativer Einrichtungen wäre die Erhaltung der Rigaer 84 wichtig, so heißt es dort weiter. Für die Übergangszeit wollen die Bewohner nun einen gleichwertigen Raum. Und hoffen dabei auf die Bezirkspolitik. Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) signalisierte nach einem Treffen mit dem obdachlosen Wohnkollektiv seine Unterstützung: „Diese Leute brauchen eine Unterkunft.“ Verschiedene Ausweichquartiere würden geprüft und Gespräche geführt. Allerdings befinde man sich bei den Bemühungen in einem sehr frühen Stadium. „Die momentane Phase ist nicht dazu geeignet, öffentlich zu spekulieren“, sagte Schulz.

Wohlgesonnen ist man den Bewohnern aus der Rigaer Straße 84 auch beim Quartiersmanagement und bei der Friedrichshain-Kreuzberger Linkspartei/PDS. Für deren Vorsitzenden Steffen Zillich sind solche Hausprojekte „eine kulturelle Bereicherung“ für den Bezirk und die Stadt. Das müsse man fördern. Doch hält Zillich die Suche nach einer Ersatzunterkunft für schwierig. „Ob das möglich ist, wissen wir nicht genau.“ Den Vorwurf, der Brand sei von einer Hanfplantage auf dem Dachboden ausgegangen, stritten die Hausbewohner ab und leiteten inzwischen eine Verleumdungsklage ein. Weder Feuerwehr noch Polizei konnten sich zu diesem Vorwurf äußern. Dass sich trotzdem etliche Zeitungen an den Spekulationen beteiligten, empfanden sie als Beleidigung. „Da wurde viel Mist geschrieben“, so ein Bewohner. Bleibt letztlich zu hoffen, dass sich der Berliner Sommer von seiner besten Seite zeigt. Sonst könnte es im bislang einzigen Friedrichshainer Freiluftwohnzimmer sehr ungemütlich werden. Sebastian Rothe

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