Wohnprojekt : Ein Stück Heimat

Seit 20 Jahren bietet ein Kreuzberger Wohnprojekt Aidskranken ein Zuhause – Angela Merkel gratulierte.

Jan Oberländer
merkel bei aidskranken zik Foto: dpa
Im Gespräch mit Bewohnern des Hauses informiert sich Bundeskanzlerin Angela Merkel über deren Situation. -Foto: dpa

Sie haben über die wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik, über die Höhe von Transferleistungen und über Krankheiten gesprochen. Unter anderem. Frank Konietzky ist noch ganz aufgeregt, schließlich hat er sich gerade mit der Bundeskanzlerin unterhalten. „Die Frau ist super!“, sagt der 38-Jährige, grinst und wippt in seinem Rollstuhl hin und her. „Auf jede Frage hatte sie eine Antwort.“ Die Stimmung war gut, „alle waren begeistert“. Konietzky lebt seit 20 Jahren mit Aids, er ist einer von zehn Bewohnern des Wohnprojekts „ZIK“ in Kreuzberg, die am Donnerstag eine Dreiviertelstunde lang mit Angela Merkel am Kaffeetisch saßen.

Anlass des hohen Besuchs ist das 20-jährige Jubliäum des ZIK, eine Abkürzung für „Zuhause im Kiez“. Der Name ist Programm: Das Projekt wurde im Oktober 1989 gegründet, um Menschen mit HIV, Aids und Hepatitis C bei der Wohnungssuche zu helfen. Die Krankheit führe auch heute noch oft in die soziale Isolation, sagte ZIK-Geschäftsführer Christian Thomes. Mittlerweile betreibt die gemeinnützige ZIK-GmbH zehn Wohnprojekte, der 1999 errichtete Neubau in der Reichenberger Straße ist das Flaggschiff. Neun Mitarbeiter betreuen und pflegen hier zurzeit 27 an Aids erkrankte Menschen. Es gibt 23 Apartments, Gemeinschaftsräume, ein Pflegebad mit Lift, ein Nachbarschaftscafé.

„Mir gefällt sehr gut an diesem Projekt, dass es ein Stück Heimat erhält“, sagte eine lächelnde Angela Merkel am Ende ihres gut einstündigen Besuchs. Sie lobte, die Bewohner könnten sich „aufgehoben“ fühlen, bekämen Lebensperspektiven. Seit ihrer Gründung hat die ZIK – mit kontinuierlicher Unterstützung der Deutschen Aids-Hilfe – über 3800 Menschen ein Zuhause vermittelt. Zudem bietet das ZIK sozialarbeiterische Betreuung und Pflege. 2008 wurden 565 Betroffene betreut, ein mobiler Pflegedienst versorgte 359 Patienten. Damit ist das ZIK die bundesweit größte Institution ihrer Art. Insgesamt sind über 100 Sozialarbeiter und 50 Pflegekräfte im Einsatz.

„Ich werde nach diesem Besuch noch tatkräftiger und mit mehr praktischer Einsicht dafür werben, dass wir uns für derartige Projekte noch stärker einsetzen“, sagte Merkel weiter. Sie wünsche sich mehr gesellschaftliche Offenheit im Umgang mit Aids und der zehnfach weiter verbreiteten, aber bisher kaum wahrgenommenen Infektionskrankheit Hepatitis C.

Thomes freute sich über „die Wertschätzung“, die die Kanzlerin der Einrichtung, den Mitarbeitern und den Betroffenen entgegenbringt. „Mit ihrem Besuch bringt sie diese Menschen zurück in die Mitte der Gesellschaft.“ Es sei erfreulich, dass Merkel sich „die konkrete Arbeit vor Ort anschaut“. Thomes lobte zudem, dass Merkel das Thema Aids aktiv anspreche – wie sie es bereits beim G8-Gipfel in Heiligendamm und der EU-Gesundheitsministerkonferenz getan habe. Aids sei eine „internationale Epidemie“, der Migrantenanteil beim ZIK liege bei 20 Prozent. Es gibt Kontakte zu Projekten in der Ukraine und Südafrika.

Ein weiterer zentraler Punkt sei die Integration der Betroffenen. Nur sie mache Prävention möglich. „Aids verbreitet sich am besten durch Isolation, durch die Verleugnung und das Verschweigen“, sagte Thomes. Darum müssten auch der Verein „Fixpunkt“ und dessen Fixerstube am nahe gelegenen Kottbusser Tor „unbedingt erhalten bleiben“. Auch Frank Konietzky will bald wieder raus in die echte Welt. „Ich bin topfit“, sagt er mit breitem Grinsen. Er sei gut betreut worden. Aber spätestens im Januar, sagt er, möchte er in eine eigene Wohnung ziehen. Das ZIK wird ihm dabei sicher helfen können. Jan Oberländer

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