Wohnungsbau : Der Alte Schlachthof wird wieder belebt

Kaum irgendwo in Berlin werden so viele Wohnungen gebaut wie auf dem 50 Hektar großen Areal an der Eldenaer Straße.

Christian Hunziker

Manchen Politikern galt er als Millionengrab und als Inbegriff einer verfehlten Stadtentwicklungspolitik: der Alte Schlachthof im Grenzgebiet der Stadtteile Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Lichtenberg. Er war eines der fünf Berliner Entwicklungsgebiete, die der Senat kurz nach der Wende in der Erwartung stark steigender Einwohnerzahlen festlegte. Doch jahrelang waren kaum Kräne zu sehen; stattdessen war immer wieder von Investoren für die denkmalgeschützten Schlachthofgebäude zu hören, die ihre Pläne dann doch nicht umsetzten.

Wer lange nicht auf dem Gelände war, kommt heute nicht aus dem Staunen heraus: In den vergangenen Jahren haben verschiedene Investoren Hunderte von Wohneinheiten errichtet, viele davon als Townhouses, also innerstädtische Reihenhäuser. Aber auch denkmalgeschützte Immobilien haben eine neue Nutzung gefunden; so wohnen jetzt 40 Familien in der aufwendig sanierten ehemaligen Lederfabrik. Insgesamt sind mittlerweile rund 1200 Menschen auf dem 50 Hektar großen ehemaligen Schlachthofareal zu Hause. Alles in allem wird es nach Abschluss der Entwicklung voraussichtlich 1300 Wohnungen geben.

Das größte Wohnungsbauvorhaben realisiert das Petruswerk: An der Otto-Ostrowski-Straße investiert das zur katholisch geprägten Avila-Gruppe gehörende Berliner Unternehmen gegen 90 Millionen Euro in einen aus drei Abschnitten bestehenden Komplex. Dieses sogenannte Avila-Carré umfasst insgesamt rund 270 Wohnungen – und zwar nicht etwa als Eigentums-, sondern als Mietwohnungen. Das erstaunt, halten doch die meisten Projektentwickler den Bau von Mietwohnungen in Berlin wegen des im Vergleich zu anderen Großstädten niedrigen Mietniveaus für nicht lohnend. Das Petruswerk ist da anderer Ansicht: Es verlangt für die 131 Wohnungen im ersten, jetzt gerade fertiggestellten Bauabschnitt des Avila-Carrés eine Kaltmiete von 8 bis 9 Euro – deutlich mehr als die 7,18 Euro, die laut Mietspiegel in der benachbarten Eldenaer Straße für eine mittelgroße Nachwendewohnung drinliegen. Trotzdem verzeichnete das Petruswerk bei Fertigstellung einen Vermietungsstand von 45 Prozent.

13 verschiedene Wohnungstypen mit einer Größe zwischen zwei und fünf Zimmern beziehungsweise zwischen 57 und 121 Quadratmeter entwarf das Architektenbüro Quick Bäckmann Quick + Partner. Dabei stellte das Vermarktungsteam um Petruswerk-Marketingleiter Hans- Jörg Schmidt zu seiner eigenen Überraschung fest, dass die größeren Wohnungen stärker nachgefragt werden als die Zweizimmerwohnungen. Die Mieter sind laut Schmidt bunt gemischt: Etwa die Hälfte komme aus dem Ostteil der Stadt, etwa zwanzig Prozent aus dem Westteil und etwa ein Drittel von außerhalb Berlins. Schmidt, der als früherer Prokurist der für den Alten Schlachthof zuständigen Stadtentwicklungsgesellschaft Eldenaer Straße das Areal so gut wie kaum ein anderer kennt, ist von dessen Potenzial als Wohnstandort überzeugt: „Von der Infrastruktur und der Verkehrsanbindung her stimmt hier alles“, sagt er. „Außerdem ist es ein familienfreundliches Quartier, und man wohnt in der Nähe des Stadtzentrums.“

Im zweiten Bauabschnitt des Avila-Carrés entstehen bis Sommer nächsten Jahres noch einmal 120 Mietwohnungen sowie 2000 Quadratmeter Gewerbefläche beispielsweise für Arztpraxen und kleine Läden. Ein Großteil dieser Wohnungen ist bereits an die Caritas vermietet, die dort altengerechtes Wohnen anbieten wird. Der dritte Bauabschnitt schließlich, für den das Petruswerk einen Baubeginn ebenfalls noch in diesem Jahr anstrebt, umfasst rund 20 Stadthäuser, die verkauft werden sollen.

Deutlich verbessert haben sich auch die Einkaufsmöglichkeiten. So siedelte sich zum Beispiel ein Rewe-Supermarkt in einem denkmalgeschützten ehemaligen Hammelstall an, und neben dem bereits seit Jahren bestehenden Fachmarktzentrum am S-Bahnhof Storkower Straße errichtet das Arnsberger Unternehmen ANH Hausbesitz derzeit ein weiteres Einkaufszentrum. Besonders stolz ist Schmidt allerdings auf das Frischeparadies Lindenberg: Im Jahr 2001 führte Schmidt in seiner damaligen Funktion bei der Entwicklungsgesellschaft erste Gespräche über die Ansiedlung des auf exklusive Lebensmittel spezialisierten Edel-Geschäfts – im Frühling 2009 wurde es dann tatsächlich eröffnet.

Weitere Informationen unter:

www.avila-carre.de

www.stadtentwicklung.berlin.de/bauen/entwicklungsgebiete/pdf/AlterSchlachthofBilanz.pdf

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