Wohnungsbau in Berlin : Sorgen bei Anwohnern des Blankenburger Südens

Zwischen Blankenburg und Heinersdorf soll ein neues Stadtquartier entstehen. Was halten die zukünftigen Nachbarn davon? Ein Spaziergang vor Ort.

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Noch gehen hier Oliver Dörpholz und Stefanie Fietzek spazieren. Bald soll an dieser Stelle ein neuer Kiez entstehen.
Noch gehen hier Oliver Dörpholz und Stefanie Fietzek spazieren. Bald soll an dieser Stelle ein neuer Kiez entstehen.Foto: Hannes Soltau

Wer die Zukunft Berlins sehen will, muss weit hinaus. Auf der Fahrt nach Nordosten weicht die Bebauung vor den S-Bahn-Fenstern öden Brachflächen. Hinter der Haltestelle Pankow geht die Stadt ins Ländliche über. In Heinersdorf und Blankenburg treffen sich die Bewohner noch am Bratwurststand auf dem Ortsfest. Samstags wird um die Meisterschaft in der Kreisklasse gespielt. Und einmal im Jahr kommt man zum Dorfputz zusammen.

Doch bald soll in der Nachbarschaft gebaut werden. Im ganz großen Stil. 6000 Wohnungen könnten entstehen. Bis zu 18.000 Menschen sollen sie beziehen. Ein ganzer Kiez entsteht zwischen beiden Ortschaften: Das Stadtquartier Blankenburger Süden. Dies ist der erklärte Wille des Senats.

Großes Interesse in der Bevölkerung

Es ist ein sonniger Morgen in Heinersdorf. Bereits nach wenigen Schritten vom Bahnhof weicht der Lärm der Bundesstraße 109 dem Balzgesang der Amseln. Die ersten Sonnenstrahlen im März nutzt Sandra Engel. Sie schneidet ihre Hecke im Vorgarten und plaudert mit einer Nachbarin über den Zaun hinweg. „Die Menschen hier mögen Neues nicht so gern“, sagt sie.

Die Dorfkirche des Pankower Ortsteils liegt inmitten eines verwilderten Friedhofs. Vor einem Monat drängten sich hier 400 Menschen in das älteste Gotteshaus Berlins. Noch einmal so viele standen davor zwischen den umgefallenen Grabsteinen. Sie wollten wissen, was sich in ihrem Leben verändern wird, wenn die Bagger vor ihrer Haustür anrollen. Das Interesse war groß, so groß, dass das Treffen einen Monat später wiederholt wurde.

Ein Kiez aus dem Acker

Kurz hinter der Kirche zweigt die Blankenburger Straße ab. Es riecht nach Gülle. Hinter dem Heinersdorfer Graben beginnt weitläufiges Ackerland. Mitten drin zieht sich ein von einer Allee gesäumter Feldweg entlang. Hier, wo sich jetzt die ersten Triebe der Apfelbäume ins Freie kämpfen, könnte in wenigen Jahren das Zentrum des neuen Stadtquartiers entstehen.

Noch sind nur vereinzelt Spaziergänger unterwegs, darunter auch Oliver Dörpholz und Stefanie Fietzek mit ihren zwei Chihuahuas. Grundsätzlich haben sie nichts gegen die Baupläne einzuwenden. Ein bisschen Grünfläche sollte aber bleiben, „für die Kinder und die Hunde“. Sie lassen ihre Blicke zu den alten Kaserne-Gebäuden der Volkspolizei am Pflasterweg schweifen, die bald den Neubauten weichen sollen. „Ich meine, der Platz ist da“, sagt Dörpholz, „und die Häuser rosten schon ewig vor sich hin".

Längst hat sich die Natur die Relikte des DDR-Sicherheitsapparates zurückerobert. Und was sie nicht geschafft hat, wurde von Menschen geplündert, zerschlagen und besprüht. Das einzige was hier noch bewohnt ist, sind die Nistkästen. Darunter reihen sich entglaste Fensterhöhlen auf. In manchen von ihnen sind Arbeiter in blauen Schutzanzügen und Atemschutzmasken zu erkennen. Sie reißen die Deckenverkleidung herunter. Der Komplex ist asbestverseucht.

Kleingartensiedlung befürchtet Enteignung

An der Straße zwischen Heinersdorf und Blankenburg liegen die Parzellen der Garten- und Siedlerfreunde Blankenburg e.V. In einem Infokasten des Vereins am Wegesrand steht: „Stadt weiterbauen im Blankenburger Süden - Der Dialog ist eröffnet.“ Fast klingt es nach einer Drohung. „Angst hat man natürlich schon", sagt Ursula Strenke, „man weiß nicht, ob und wann es uns erwischt". Sie ist eine der Pächterinnen. Die Grundstücke aber gehören dem Land Berlin.

Auch wenn sie verschont blieben, die Pläne des Berliner Senats gehen ihr zu weit: „Ich hätte es lieber kleiner“. Ihr Mann sagt: „Man muss nur morgens den Verkehrsfunk hören und zählen wie häufig Berlin-Karow und Buch genannt werden, dann weiß man, dass die Infrastruktur überlastet ist.“ Das Ehepaar lebt seit 1972 hier. Seit dem seien die Straßen nicht besser geworden.

Blankenburg wächst um das Dreifache

Das Feinkostgeschäft „Speisekammer“ liegt am Ortseingang von Blankenburg. In der Theke werden Percono-Käse mit Trüffel und Coppa-Schinken vom Landschwein angepriesen. Hinter der Theke steht Lutz Lieder. Er ist in Altersteilzeit und hilft seiner Frau an seinen freien Tagen aus. Die Speisekammer ist Postamt, Tante-Emma-Laden und Dorfcafé in einem. Kinder kommen nach der Schule vorbei und investieren ihr Taschengeld in Süßigkeiten. Aber auch die älteren Blankenburger „toben sich hier im Laden aus“ sagt Lieder. Er kennt die Wünsche seiner Kunden – und er kennt auch ihre Sorgen.

Vor allem die alten Menschen beklagen sich, dass der Dorfcharakter zerstört werde. Schließlich soll die dreifache Einwohnerstärke von Blankenburg vor den Toren des Ortes angesiedelt werden. Wer seit Jahrzehnten hier lebe, habe nun Angst, „dass man plötzlich die Gesichter auf der Straße nicht mehr kennt“. Andere wiederum befürchten, dass hier ein Ghetto entsteht. Aber das seien „Spekulationen“, sagt Lieder. Er bleibt lieber bei den Fakten.

Mehr Sorgen als Zuversicht

Dazu gehöre, dass der Senat das Wasserproblem nicht erkannt hätte. Bei starkem Regen könne der Niederschlag im Ort auf Grund der Bodenbeschaffenheit schlecht versickern. Viele Hausbesitzer in der Gegend verzichteten darum bewusst auf einen Keller. Wenn aber die Oberfläche auf den geplanten 90 Hektar Bauland versiegelt werde, „dann säuft trotzdem alles rund herum ab."

Nur eine Straßenkreuzung trennt den Laden seiner Frau vom zukünftigen Stadtquartier. Als Geschäftsmann könnte er zahlreiche neue Kunden bekommen. Doch damit rechnet Lieder nicht. „Bis dort die ersten Menschen einziehen, sind meine Frau und ich längst in Rente.“ Das beträfe auch die meisten anderen ansässigen Gewerbetreibenden. Ein wirtschaftlicher Aufschwung durch die neuen Nachbarn? „Ein ferne Zukunftsmelodie.“ Das griechische Restaurant im Ort sei jedenfalls jetzt schon jeden Abend bis auf den letzten Platz gefüllt.

Die Tür schwingt auf. Ein Bauarbeiter kommt herein. Er erkundigt sich nach Büffel-Mozzarella. „Der ist schon wieder aus“, sagt Lieder. „Viel zu beliebt.“ Besser würde nur noch die „Blankenburger Chronik“ verkauft. Er weist auf einen Stoß Bücher in der Ecke. Auf 192 Seiten mit 211 Abbildungen wird die Geschichte Blankenburgs dargelegt. 350 Exemplare habe er schon verkauft. Bald aber könnte darin ein neues Kapitel geschrieben werden, sagt Lieder, „aber hoffentlich kein unrühmliches."

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