Wohnungslose Familien : „Das Kindeswohl ist das Wichtigste“

Wie viele Familien in Berlin wohnungslos sind, ist nicht bekannt. Aber es werden immer mehr. Eine Einrichtung hilft ihnen, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Christina Spitzmüller
Viele Familien fühlen sich allein gelassen und landen auf der Straße.
Viele Familien fühlen sich allein gelassen und landen auf der Straße.Foto: Lane Erickson/ Fotolia

Immer mehr obdachlose Familien mit Kindern leben in Berlin. Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber weil immer mehr Eltern mit ihren Kindern bei den herkömmlichen Notübernachtungsstellen auftauchten, wurde im September eine Notübernachtungsstelle speziell für Familien eingerichtet. Derzeit gibt es zwölf Plätze. Der Bedarf sei aber weitaus größer, sagt Viola Schröder, die die Notübernachtungsstelle der Diakonie leitet.

In der Familiennotübernachtungsstelle der Diakonie in der Kreuzberger Taborstraße ist alles kinderfreundlich: Es gibt drei Familienzimmer, eine Gemeinschaftsküche und Aufenthaltsräume mit viel Platz für die Kleinen. „Notübernachtungsstelle“ beschreibt das Konzept dabei nicht ganz: Es geht nicht nur ums Übernachten. Die Familien können rund um die Uhr in der Einrichtung sein und werden von den Mitarbeiterinnen betreut. Neben zwei Sozialarbeiterinnen arbeiten hier zwei Integrationslotsinnen, die sich mit den Kindern beschäftigen: malen, basteln, kochen, backen.

„Wir können ein Zuhause nie ersetzen, aber wir bemühen uns“, sagt die Leiterin der Notübernachtungsstelle, Viola Schröder. Die Kinder sollen eine familiäre Atmosphäre erleben, rauskommen aus ihrem Alltag und zumindest eine Zeit lang Abstand zu den Sorgen ihrer Eltern bekommen. Die Aufsichtspflicht bleibt aber bei den Eltern, auch eine Betreuung der Kinder gibt es nicht. „Die Familien müssen Selbstständigkeit lernen“, sagt Daniela Antonova, die als Integrationslotsin in der Einrichtung arbeitet.

Eckpfeiler gegen Wohnungslosigkeit

Die Arbeit in der Einrichtung beruht auf drei Eckpfeilern: Zunächst werden die Grundbedürfnisse gestillt, Essen, Kleidung und Hygieneartikel sind immer da. Danach schauen die Mitarbeiterinnen, wie es den Familien geht: Sind die Kinder verwahrlost oder funktioniert die Familie als Familie? Und schließlich geht es auch immer darum, eine Perspektive zu finden: Wie kann es weitergehen? „Dabei ist das Wohl der Kinder immer das Wichtigste!“

Vom Jugendamt heißt es: Es gibt keinen Automatismus, dass Kinder aus der Familie genommen werden, wenn Obdachlosigkeit droht oder eingetreten ist. Die Behörden prüfen den Einzelfall. Schröder erklärt, dass es in der Regel nur dann zu einer Inobhutnahme kommt, wenn zu der Obdachlosigkeit noch andere schwerwiegende Probleme kämen – eine Suchterkrankung der Eltern zum Beispiel. Trotzdem haben viele Eltern Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. Die Einrichtung arbeitet eng mit dem Jugendamt zusammen. „Die wissen: Wenn eine Familie bei uns ist, geht es den Kindern gut. Und wenn nicht, dann finden wir mit den Familien und dem Jugendamt eine gemeinsame Lösung“, sagt Schröder. Aber grundsätzlich gilt: „Wer seine Wohnung verliert, muss noch lange keine schlechte Mutter oder kein schlechter Vater sein.“ Es kommt durchaus vor, dass Eltern, die einer geregelten Arbeit nachgehen, ihre Wohnung verlieren. Sie gehen dann auch während der Zeit in der Notübernachtungsstelle weiter arbeiten. Kinder besuchen ihre Schulen oder Kitas, sofern sie nicht komplett neu in der Stadt sind.

Die Übernachtungsstelle hat zwei Zielgruppen: Berliner, die nach einer Räumung plötzlich auf der Straße stehen. Und EU-Bürger, die nach Berlin gekommen sind. Viele der Familien, die kurzfristig und unbürokratisch Unterschlupf finden, sind Roma aus Bulgarien oder Rumänien. Sie haben in der Heimat nichts mehr zu verlieren. Für den Traum vom besseren Leben nehmen sie in Kauf, in Berlin auf der Straße zu leben. „Viele können vom Flaschensammeln hier besser leben als von Jobs in ihren Herkunftsländern“, sagt Antonova. Sie spricht Bulgarisch, ihre Kollegin Rumänisch. Damit können die größten Sprachbarrieren in der Notübernachtungsstelle überwunden werden.

Zu wenig Sozialwohnungen

Zwei bis drei Wochen können Familien in der Einrichtung unterkommen. Zeit, um notwendige Unterlagen zu besorgen und Anträge auszufüllen. Danach bekommen viele der Familien einen Wohnheimplatz für wohnungslose Menschen. Eine richtige Wohnung für sie zu beschaffen ist schwierig und dauert lange – vor allem wegen der angespannten Wohnsituation in Berlin. Es gebe zu wenige Sozialwohnungen, beklagt Schröder. Wer schon im Sozialhilfesystem ist und von einer Räumung bedroht ist, kann sich an die soziale Wohnhilfe der Bezirke wenden. Dort wird Betroffenen sofort geholfen.

Die Notübernachtungsstelle ist ein geschützter Ort für die Familien, an dem sie unter Anleitung anfangen können, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die Sozialarbeiterinnen versuchen deshalb, die Bewohner in dieser Zeit so gut es geht vor unnötigem Stress zu schützen. Deswegen wollen sie es auch vermeiden, dass die Bewohner mit Journalisten sprechen: „Die Familien sollen hier erst mal ankommen und runterkommen.“

Jetzt zieht die Notübernachtungsstelle für Familien um, ein paar Straßen weiter zur Wrangelstraße. Am 8. November werden die neuen Räume eröffnet. Dort wird es 30 Notschlafplätze geben. Aber auch dann werden die Sozialarbeiterinnen immer wieder Familien abweisen müssen – auch dort wird es noch zu wenig Platz geben. Zwischen zwei und acht Anfragen bekommen sie pro Tag. Im Senatshaushalt sind ab 2018 Mittel für eine Einrichtung mit hundert Plätzen vorgesehen. Derzeit werden Immobilien gesucht und geprüft, gefunden ist allerdings noch nichts.

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