Wohnzimmerkonzerte in Berlin : Live-Musik auf Nachbars Sofa

Am Sonnabend öffnen Berliner in der gesamten Stadt ihre Wohnzimmer. Profis und Laien spielen zu vier verschiedenen Uhrzeiten kostenlose Konzerte - auch der guten Nachbarschaft wegen. Das soll erst der Anfang sein.

Katharina Fiedler
Zu Hause ist’s am schönsten. Das Folk-Pop-Duo Nature in the City spielt in einer Privatwohnung in Friedrichshain.
Zu Hause ist’s am schönsten. Das Folk-Pop-Duo Nature in the City spielt in einer Privatwohnung in Friedrichshain.Foto: Björn Kietzmann

Karin Lason ist gut vorbereitet. Sie wird den großen runden Tisch in ihrem Wohnzimmer am Ostkreuz einfach zur Seite schieben, um Platz für Musiker und Gäste zu schaffen. Sie wird sich von Nachbarn Stühle leihen und Sitzkissen auf dem Boden verteilen. Sie wird Knabberzeug und Softgetränke bereitstellen und die Kinderzimmer ihrer Töchter zusammenräumen, so dass 20 Paar fremde Schuhe und Jacken dort verstaut werden können. Und wenn es laut und später dunkler wird, dann wird Lason die Diskokugel anschalten, die ganz oben an der Decke ihrer Altbauwohnung hängt. Es soll schließlich gemütlich sein.

20 Fremde Leute sollen am kommenden Sonnabend in ihrem Wohnzimmer in Friedrichshain sitzen und der Musik eines Folk-Pop-Duos lauschen. Karin Lason ist eine von vierzig Berlinern, die ihre Wohnungen öffnen für die ersten „Singenden Wohnzimmer von Berlin“. Profis und Laien spielen zu vier verschiedenen Uhrzeiten Konzerte, insgesamt sollen es 80 Livesessions werden. Neben manchem Sofa wird Klassik und Jazz zu hören sein, auch ein A-capella-Chor ist dabei und mehrere Singer-Songwriter. Nur eine Elektro-Metal-Band war bisher nicht unterzukriegen. Die Nachbarschaftsinitiative Polly & Bob organisiert die Aktion, die in Wohnzimmern in Wilmersdorf, Friedrichshain, Schöneberg, Wedding und Prenzlauer Berg stattfindet.

Fiktive Nachbarn

Zuhören und zuschauen kann jeder, der vorher eines der 1500 kostenlosen Ticket im Internet bucht. Da die Wohnzimmer unterschiedlich groß sind, variiert die Anzahl der Plätze. Mal können nur acht Gäste einem Konzert lauschen, mal sind es 60 Plätze. Dass es dann auch etwas enger werden könnte, ist durchaus im Sinne des Initiators Volker Siems. Er hat Polly & Bob im vergangenen Sommer gegründet – für eine neue Art der Nachbarschaft, wie er es nennt: Die Menschen sollten wieder mehr zusammenkommen, anstatt nur vor dem Laptop zu sitzen und darüber zu kommunizieren, sagt Siems. Polly und Bob sind dabei fiktive Nachbarn, die nicht nur nebeneinander wohnen, sondern auch miteinander leben – vertrauensvoller, teilender.

Die Aktionen der Non-Profit-Organisation sind vielfältig. Von gemeinsamen Abendessen mit Nachbarn und Eltern-Kind-Treffs im Kiez bis hin zur „Nacht der singenden Balkone“, dem bisherigen Höhepunkt. Im November stellten sich Friedrichshainer auf Initiative von Polly & Bob auf ihre Balkone und musizierten für ihre Nachbarn – 1500 Menschen kamen zum Zuhören. Für Siems, den Friedrichshainer, ein voller Erfolg. Ähnlich sollen die singenden Wohnzimmer funktionieren, nur erstmals an verschiedenen Orten in ganz Berlin verteilt. Ein geplantes Flashmob-Frühstück auf der Oberbaumbrücke wurde vom Ordnungsamt im Dezember allerdings kurzfristig untersagt.

„Viele Menschen verbinden mit Nachbarschaft Negatives wie Streit oder Klatsch und Tratsch“, sagt Siems. Er möchte das ändern, merkt schon den Unterschied: Seit Siems sich für seine Mitmenschen engagiert und Veranstaltungen organisiert, lernt er immer wieder neue Menschen in seinem Kiez an der Wühlischstraße kennen. Wenn er jetzt aus dem Haus geht, hört der 40-Jährige viele „Hallos“ und „Wie geht’s?“. Das wünscht sich Siems auch für die Besucher der Wohnzimmerkonzerte. Die Gäste sollen nicht nur still nebeneinandersitzen – nein, sie sollen ins Gespräch kommen. Zur Not mir Vorstellungsrunden und Kennenlernspielen. Außerdem könnten Nachbarn entdecken, welche Talente sich hinter den Wänden zur Nachbarwohnung versteckten.

Zwischen Kontrabass und Gitarre

So auch nur ein paar hundert Meter von Volker Siems entfernt an der Frankfurter Allee. Wo der Autolärm dröhnt und der Gehweg durch die U-Bahn vibriert, erklingen drinnen, hinter der Fassade, ganz andere Töne. "Nature in the City" heißt die Band, die bei Karin Lason auftritt, und macht nach eigener Aussage Folk-Pop mit einer Prise Rock ’n’ Roll. Johannes Hegers Finger hüpfen mühelos über die langen Saiten seines Kontrabasses, Robin Sellin sitzt mit seiner Gitarre auf der Sofalehne und singt. Beide Musiker lernten sich beim Studium in den USA kennen. Seit dem vergangenen Sommer singen die beiden Friedrichshainer von Liebe und Leidenschaft. Auch in ihren eigenen Wohnzimmern haben die Mittzwanziger schon mehrere Konzerte organisiert. Als Gastgeber genoss das Robin Sellin sehr: „Im Wohnzimmer sitzt man mit Freunden. Auch wenn man sich vielleicht noch gar nicht richtig kennt.“ Die gebrochene Distanz gefällt ihm – mit den Gästen kommunizieren und aufeinander reagieren, Intimität im Fremden. „In einem Wohnzimmer können wir unsere eigene Stimmung aufbauen, zeigen, wie wir leben und unsere Musik erfahren“, sagt Sellin.

Wenn am Abend des 26. Aprils alle Wohnzimmerkonzerte gespielt sind, treffen sich alle Musiker zu einer offenen Bühne in der Zwingli-Kirche in Friedrichshain: Jeder Künstler kann noch einmal seine besten Song darbieten, die Gäste können Bands anhören, die sie auf ihrer Wohnzimmertour verpasst haben.

Diese Gelegenheit wird Volker Siems nutzen, um auf eine Sache aufmerksam zu machen, die ihm ganz besonders am Herzen liegt: Mit einer Crowdfunding-Kampagne möchte Siems innerhalb der nächsten zwei Monate 100.000 Euro sammeln, um über Polly & Bob ein deutschlandweites Onlineportal für Nachbarschaft aufzubauen. Dort soll es zum Beispiel um ganz alltägliche Hilfestellungen gehen, erklärt Siems. Wer kann mir Werkzeug leihen? Oder eine Kuchenform? Oder wen kann ich mit meinen Fähigkeiten unterstützen? Das Portal soll automatisch Nutzer in der Umgebung anzeigen.

Robin Sellin und Johannes Heger von Nature in the City werden vielleicht zu Fuß zu Karin Lason gehen. Ein paar hundert Meter, das ist nicht weit. Dann müssen sie nur noch den Kontrabass und Gitarre die 88 Stufen hoch in den vierten Stock tragen. Vielleicht packen ja ein paar Nachbarn mit an.

Die singenden Wohnzimmer, Sonnabend, 26. April, jeweils um 14, 16, 18 und 20 Uhr in verschiedenen Bezirken. Das Open Mic beginnt ab 22 Uhr in der Zwingli-Kirche, Rudolfstraße 14, Friedrichshain. Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei. Karten gibt es unter: www.pollyandbob.com.

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