Berlin : Wolf-Dieter Brünn (Geb. 1951)

Sein Vermächtnis? Konkret, immer konkret bleiben!

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Herbst 1960, UN-Vollversammlung, der erboste Nikita Chruschtschow hämmert mit seinem Schuh auf den Tisch – eine legendäre Szene, aber hat sie so je statt gefunden? Die einen sagen, er hatte den Schuh nur auf den Tisch gelegt, andere Augenzeugen behaupten, er habe seinen eigenen nie ausgezogen, sondern einen dritten mitgebracht.

„Chruschtschows dritter Schuh“ – Dieter liebte diese Anekdote, denn sie bebilderte sein eigenes politisches Wollen: Sich empören, aber nicht blind agieren.

1981 besetzte er mit Freunden ein Haus in der Görlitzer Straße. Die „Stiftung Umverteilen“ gewährte Kredit, es gab „Staatsknete“, und es gab einen, der glaubte, das rechtfertige einen tiefen Griff in die Kasse. 66 000 DM wurden aus der Baukasse entwendet, der Täter war bekannt, einige wollten das vertuschen, nicht so Dieter. Ihm war klar, „dass ein Verschweigen und Hinnehmen mieser Entwicklungen uns selbst viel mehr schadet als der Verzicht auf Staatsknete“.

Dieter hatte Politologie studiert, aber sein eigentlicher politischer Ziehvater war Erich Mühsam, pragmatischer Anarchismus ohne Humorverzicht – ganz anders als bei ideologischen Leibeigenen und Parteisklaven üblich: „Oh, wär’ ich doch ein reicher Mann, der ohne Mühe stehlen kann, gepriesen und geehrt.“ Das war gar nicht sein Ding. Karriere, Luxus, „Schöner Wohnen“, Kreuzberger Flair, aber bitte mit Charlottenburger Grandezza. Dafür hatte er seinerzeit das Haus nicht besetzt.

In seiner Wohnung reihten sich mehr als 200 Regalmeter an Büchern, Zeitschriften, Flugblättern und Postern über „Widerstand in der US-Armee“, „Soldiers in Revolt“, Deserteure in aller Welt.

Dave Harris, ein ehemaliger GI, und der Journalist Max Watts hatten den Grundstock zu dem Archiv gelegt. Während des Vietnamkrieges gaben sie mehrere Soldatenzeitschriften heraus, informierten die GIs über Fluchtmöglichkeiten, organisierten eine europaweit funktionierende „Untergrundbahn“ für Deserteure. Dave Harris gründete 1974 das „GI-Counselling-Center“ nach dem Vorbild der GI-Cafés in den USA. Als sie entdeckten, dass sie mitten in Berlin vom amerikanischen Militärgeheimdienst überwacht wurden, klagten sie dagegen vor einem zivilen Gericht in den USA und bekamen recht.

Wo immer Kriege geführt werden, gibt es Deserteure. „Absent without leave“, abwesend ohne Genehmigung, lautet der offizielle Begriff. Annähernd 100 000 US-Soldaten desertierten im Vietnamkrieg, entsprechend panisch reagierte die Regierung: „Es war fürs Überleben wichtiger, Deserteure zu töten als Russen oder Vietnamesen.“

Über 8000 Army-Deserteure gab es bereits im Irakkrieg. Kriegsverweigerer sind ein Problem für das israelische Militär, Desertion auf dem Wege des Suizids lähmt die Moral der russischen Armee – eines der letzten Projekte von Dieter befasste sich mit den Misshandlungen junger Rekruten in den Armeen der ehemaligen Ostblockstaaten.

Wenn sich Dieter eines Themas annahm, dann voll und ganz. In seinem kleinen Verlag „Harald Kater“, benannt nach der Hauskatze, veröffentlichte er die Biografie von Malcolm X ebenso wie die Erlebnisse Marek Edelmans, der einer der Kommandeure des Aufstands im Warschauer Ghetto war.

Der Toten zu gedenken, das hieß für Dieter, daran zu erinnern, wofür sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten. Der Friedhof der Märzgefallenen, der vergessenen Revolutionäre von 1848, versteckt im Volkspark Friedrichshain gelegen und nunmehr dank der Paul-Singer- Stiftung wieder ins Gedächtnis der Öffentlichkeit gebracht, war sein letztes großes Projekt.

Fürs Privatleben blieb da nicht allzu viel Zeit. Seine Freundin war vor vier Jahren an Lungenkrebs gestorben. Er hatte sie lange gepflegt, aber selbst sein Geheimmittel versagte irgendwann, und sie gewann ihr Lachen auch beim Ansehen von Bollywood-Filmen nicht wieder.

Nach ihrem Tod hörte er mit dem Rauchen auf, aber da war es wohl schon zu spät. Seine Leidenszeit war kurz, drei Wochen von der Diagnose bis zum Tod. Er hatte eben nie die Geduld zur Faulenzerei.

Sein Vermächtnis? Konkret, immer konkret bleiben. Den Chef duzen, das vermindert den Klassenunterschied mal ganz auf die Schnelle. „Wir müssen herausfinden, wie wir zu den Leuten werden, auf die wir gewartet haben …“ Und mit denen wollen wir frei leben und Spaß haben. Dieters Beiträge „Elektronik Supersonik – Zlad“, eine Sammlung skurriler Musikclips, gehören zu den beliebtesten des Internetforums „www.chefduzen.de“. Gregor Eisenhauer

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