Berlin : Wolf-Dieter Lau, geb. 1939

Barbara Nolte

Um Wolf-Dieter Lau zu verstehen, muss man vielleicht kurz ausholen und von den alten Zeiten im Umgang mit Behinderten berichten. Damals wurden Kinder mit Down-Syndrom noch mongoloid genannt, nach einer Kategorie aus dem 19. Jahrhundert, wegen ihrer angeblich typisch mongolischen Stellung der Augen. Damals hatten solche Kinder noch einen klaren, ziemlich tristen Lebensweg: Sonderkindergarten, Sonderschule, Bürsten machen in Behindertenwerkstätten. Mit Mitte Zwanzig waren die meisten tot.

In diesen alten Zeiten, die erst 28 Jahre her sind, saßen Wolf-Dieter Lau gemeinsam mit seiner Frau Gisela und Jenny, ihrem Säugling mit Down-Syndrom, beim Arzt. "Ihr Kind wird nie lesen und schreiben lernen", sagte der Arzt. Gleich hatte er ein paar Ratschläge parat: "Setzen Sie es ruhig vor den Fernseher, dann ist es still. Geben Sie es möglichst schnell in ein Heim, weil Sie es zu Hause mit ihm sowieso nicht schaffen." So ein Kind sei eine viel zu große Belastung für eine Familie. "Sie werden sehen", resümierte der Arzt. "Jenny kann nicht unter Menschen sein." Das klingt alles menschenverachtend. Aber das Ehepaar Lau war nicht an einen besonders groben Arzt geraten. So ging man damals damit um.

Wolf-Dieter Lau wollte sein Kind nicht in ein Heim geben, auch in keinen Sonderkindergarten und in keine Sonderschule. Nur Behinderte um sich herum zu haben, sei eine unwirkliche Situation, fand er. Jenny müsse sich an den Normalen orientieren. So wurde der lebenslustige, ehrgeizige U-Bahn-Planer aus der Senatsbauverwaltung zum Vorkämpfer für die Integration von Behinderten. Allerdings sah die damalige Gesetzeslage nicht vor, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam in einem Klassenzimmer zu unterrichten. Die Auseinandersetzung mit der damaligen Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien von der CDU war programmiert.

Anfangs hatte Lau noch Erfolg: Jenny ging als erstes Berliner Kind mit Down-Syndrom zusammen mit Gesunden in die Grundschule. Sie wurde sogar auf die Gesamtschule überwiesen. Aber dort war schon nach ein paar Wochen Schluss: Sie bekam Hausverbot. Geistig Behinderte gehörten da nicht hin. So war es damals Gesetz, so sah es auch die Schulsenatorin. "Ich habe in der Angelegenheit entschieden", habe Laurien entgegnet, als Wolf-Dieter Lau sich in ihrer Bürgersprechstunde beschweren wollte: "Sie können gehen." Aber sie hatte nicht mit Laus langem Atem gerechnet. Er zog vor Gericht, ging auf Dutzende Demonstrationen, organisierte Arbeitskreise, Podiumsdiskussionen und Selbsthilfegruppen.

Mehrmals in der Woche zockelten Wolf-Dieter und Gisela Lau spät abends mit dem Bus nach Zehlendorf zurück, wo sie wohnten. Sie hatten kein Auto, Wolf-Dieter Lau mochte Autos nicht. Schließlich durfte Jenny doch auf die Oberschule. Mittlerweile gibt es in Berlin mehrere hundert Plätze für Behinderte in so genannten Integrationsklassen. Jenny hat übrigens gut lesen und schreiben gelernt. Heute arbeitet sie als Kellnerin in der Schwartzschen Villa in Steglitz, in ihrer Freizeit spielt sie in der Behinderten-Gruppe "Ramba Zamba" Theater.

Das Besondere an Wolf-Dieter Lau sei immer sein Stolz auf die Tochter gewesen, sagen Bekannte. Man habe gemerkt, dass sie ihm Spaß mache. Das macht ihn vielleicht sogar zum Vorbild in diesen Zeiten, in denen bald Gentests für Schwangere selbstverständlich sein werden. Und wer trotzdem ein behindertes Kind zur Welt bringt, wird immer dem latenten Vorwurf ausgesetzt sein: "Hätte doch nicht sein müssen!"

Es war in diesem Januar, als Gisela Lau wieder in einer Sprechstunde saß. "Zu Hause schaffen Sie das nicht", sagte der Arzt. Den Ratschlag hatte sie schon mal gehört. Aber diesmal ging es nicht um Jenny, sondern um Wolf-Dieter Lau. Er hatte einen Gehirntumor, den man nicht mehr operieren konnte. Frau Lau sollte ihn in ein Hospiz geben, meinte der Arzt. Aber das wollte sie nicht. So konnte Wolf-Dieter Lau am 14. Februar immerhin in seiner Zehlendorfer Wohnung sterben. Dort, wo er vor beinahe 62 Jahren auch geboren worden war.

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