Berlin : Wolfgang Cäsar Maria Schäfer (Geb. 1943)

„Sollte ich nicht Schäfer mit ae schreiben?

Thomas Loy

Überall hat er es erzählt. Wenn er grantig war, müde, mies gelaunt. „Ich bring mich um.“ Bringt sich so einer um? Je häufiger er davon sprach, desto unmöglicher schien es. Da hatten sie mit Wolfgang schon ganz andere Sachen erlebt. Allenfalls Südamerika, dachten sie. Das würde zu ihm passen. Einfach weg aus diesem prallen, unsortierten, bankrotten Berliner Leben.

Wolfgang ging noch weiter weg. Er nahm Tabletten. So viele lagen in dem Hotelzimmer, die hätten für eine ganze Familie gereicht.

Jetzt ist sein Laden geschlossen, „Kant 28“, ein Geschäft für hintersinnige Einrichtungsaccessoires und nebenbei Galerie. Nach seinem Tod begann der Ausverkauf. Viele Künstler stöberten herum und suchten vergeblich nach ihren Bildern. Und es gingen viele Rechnungen ein.

Wolfgang ließ anschreiben bei den Charlottenburger Wirten. Ab und an bezahlte er auch. Er hasste es, wenn jemand drängelte. Freigiebig war er zu Freunden, Künstlern und Damen, die an seinen rhetorisch geschulten Lippen hingen und viel jünger waren als er. Einige blieben über Nacht, andere ein ganzes Jahr. Dann zogen sie aus, wutentbrannt. Wolfgang konnte ein Ekel sein, wenn ihm langweilig wurde.

Er trug orangefarbene Hosen, grüne Schuhe, tonnenschwere Pelzmäntel und Designerbrillen. So zog er in die Nacht, begründete den Abend mit einem guten Essen, orderte Rotwein oder Champagner, nur die Premiummarken, und befeuerte seine Lebensgeister gelegentlich mit einer Linie Koks. Grobe Verstöße gegen die bürgerliche Moral sicherten ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Umgebung. In der Paris-Bar warf er mit Pommes oder grapschte sich Leckereien von fremden Tellern. Frauen, die ihm gefielen, schenkte er teure Ringe, die er sich spontan von den Fingern riss. Oder er fasste sie mitten im charmanten Parlando an den Busen.

Man konnte ihm einfach nichts übel nehmen, sagt ein Freund, noch immer fasziniert. Die Krönung eines gelungenen Abends war das Dirigat von Bachs Matthäuspassion. Wolfgang ließ die CD einlegen, stieg auf einen Tisch und verschmolz mit den Klangwellen zu einem überirdischen Wesen. An einem Morgen am Savignyplatz strömten die Menschen, magisch angezogen von diesem Musikereignis, in das zum Konzerthaus mutierte Restaurant und bescherten dem Wirt märchenhafte Umsätze. Der bedankte sich am nächsten Tag mit einer Kiste Wein.

Wolfgangs Vater, das sollte man wissen, war Generalmusikdirektor an der Stuttgarter Oper. Zuhause gingen berühmte Leute ein und aus.

Logisch, dass bei allen Extravaganzen nicht immer alles erlaubt war. Besonders im Straßenverkehr machte sich das bemerkbar. Mit einem geliehenen Porsche fuhr er doppelt so schnell wie erlaubt, als ein Polizist ihn aus dem Verkehr winkte und ein anderer nach seinen Papieren fragte, klemmte er einen größeren Geldschein zwischen die Dokumente, der Polizist steckte die Banknote ein und entschuldigte sich höflich, er könne leider nichts machen, weil der Chef heute mitkontrolliere. Wolfgangs Flüche betreffs dieses Beamten hallten noch Tage später durch die Kantstraße.

Seinen eigenen Wagen, einen großen Chrysler, parkte er gerne an der Bushaltestelle vor der Paris-Bar. War ja sonst nichts frei. Die Polizei ließ den Wagen perfiderweise nicht abschleppen, sondern legte sich auf die Lauer. Und Wolfgang tappte in die Falle. Bezecht setzte er sich ans Steuer, um ein paar Freunde nach Hause zu fahren. Er kam nur bis zur nächsten Querstraße.

Seine Beinamen Cäsar Maria waren gut gewählt. Er brauste auf wie ein Diktator, um wenig später mit schmerzerfüllter Stimme zu Kreuze zu kriechen.

Er sah einen Raum und dekorierte ihn stantepede um. Wenn die Handwerker anrückten und erklärten „Nee, so jet dit nich“ sagte er: „Aber sicher geht das.“ Am Ende nannten ihn alle „Gott“ und verzichteten auf weitere Diskussionen.

Die beiden anderen Namen, Wolfgang und Schäfer, lagen gefährlich nah am profanen Durchschnitt. „Sollte ich nicht Schäfer mit ae schreiben? Und Wolf, das klingt doch besser, oder?“ Er knetete in seinem Gesicht herum, dachte über Schönheitsoperationen nach. Dann fehlte ihm aber doch der Mut.

Wolfgang baute mit ungeheurer Energie ein Imperium auf und begann im gleichen Schwung, es wieder zu vernichten. In den achtziger Jahren führte er ein florierendes Einrichtungshaus, die erste Adresse für anspruchsvolle Interieurs, betrieb eine private Fluglinie, lebte in einer Villa im Grunewald. Und ging pleite.

Er wusste, wie es ist, am Boden zu liegen. Aber jetzt war er älter geworden, und die depressiven Phasen dauerten länger. Er ließ sich einweisen in die Psychiatrie, schmückte sein Krankenzimmer mit moderner Kunst, nahm sich Silberbesteck von zu Hause mit, und stürzte sich voller Enthusiasmus in die Therapie.

Danach war er wieder der alte Cäsar. Nach außen zumindest. Mit einem Schauspielerfreund eröffnete er eine Dependance in Wiesbaden, warf sich schonungslos ins dortige Nachtleben, kaufte großzügig ein. Und verlor völlig den Überblick.

Nochmal in die Psychiatrie zu gehen, das getraute er sich nicht. Thomas Loy

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