Berlin : Wolfgang Eichner (Geb. 1923)

Er bestand darauf, dort zu sterben, wo er gelebt hat. Auf einem Friedhof.

Deike Diening

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit brennt hier nachts noch immer Licht, und auf ein Klingeln öffnet sich die Tür. In der strahlenden Wärme des Kachelofens sitzt im Wohnzimmer der Schwiegersohn, ordnend Porzellan und Papier. Wenn er aufsieht von seiner Arbeit, fällt sein Blick durch durchbrochene Gardinen auf die stummen Grabsteine des Kirchhofs St. Nicolai/St. Marien. Es ist diese unwahrscheinliche Berliner Aussicht seines Schwiegervaters, Amtmann Wolfgang Eichner.

Als Wolfgang Eichner, Mitte dreißig, Ostern 1958 als Verwalter einzieht in das Friedhofshäuschen am Prenzlauer Tor, direkt an der großen Kreuzung hinterm Alexanderplatz, mit Frau und zwei Kindern, beginnt hier ein unwahrscheinliches Berliner Leben, an einem völlig unwahrscheinlichen Ort mit einem sehr unwahrscheinlichen Menschen. Das Haus steht längst unter Denkmalschutz. Wenn es gerecht zuginge, wäre auch Eichner längst Teil dieses Denkmals.

Eichner, baumstark, der Schlosser gelernt und Flugzeuge repariert hat und bei der Reichsbahn gearbeitet, der aber den Platz für sein Leben gerade erst findet. Wenn er sich für etwas entschieden hat, dann hält er daran fest. Und wie er festhält! Er zerrt nicht daran, er umarmt es einfach und lässt es nicht mehr los. Das fühlt sich gut an für die Umarmten. Er umarmt seine Frau und seine Arbeiter, die er oft für Jahre behält. Vor allem aber umarmt er diesen Friedhof, diese dreieinhalb Hektar hinter dem Alex, darauf Eichner, mit seiner klaren Vorstellung von Pflicht und Freiheit, von Richtig und Falsch, von den Dingen, die zu tun sind, und den Dingen, für die ein Mensch sich schämen muss.

Ost-Berlin beschließt, den Friedhof zu schließen. Bestattungen werden untersagt. Das geht natürlich nicht. Eichner, kämpferisch, handelt eine jährliche Prämie heraus, Entgelt für „entgangene Bestattungen“. Damit versucht er zwanzig Jahre lang seinen Kirchhof vor dem gröbsten Verfall zu schützen. Er verteidigt zentnerschwere Kreuze gegen Grufties, die sich gerne ihre Wohnung damit dekorieren würden. Er besorgt sich aus findigen Quellen Benzin, damit die Motorsägen weiterlaufen. Er kämpft gegen Kaninchen wegen des Efeuschadens. Trauernde, die für ein Begräbnis nicht in den Westen reisen dürfen, können bei ihm eine „Parallelbestattung“ buchen, gleiche Uhrzeit wie die echte Bestattung im Westen, auch Musik, zur Unterstützung der Fantasie steht vorne ein leerer Sarg.

Er organisiert mit seinem Motorrad Bäume, die er nie in Reihen und immer locker wie in einem Wald anpflanzt. Sein Friedhof soll ein Lebensraum für Vögel sein. Er astet tote Bäume aus. Er konstruiert eine Seilwinde, die den Sargträgern hilft, die Toten bergan zu tragen.

Dann fällt die Mauer, und der sture Verwalter hat noch immer einen funktionstüchtigen, vogelzwitschernden Friedhof, auf dem jetzt wieder bestattet werden darf. Als seine Frau stirbt, dann die Tochter, trägt er beide hinauf. Daneben reserviert er eine Stelle für sich selbst. Er sitzt dort neben ihnen auf einer Bank und denkt nach, und dann tut sich vor ihm der Spruch auf, den er selbst auf seinem Grabstein wünscht. Die Vorfreude auf diesen Spruch erheitert ihn jahrelang:

Wanderer, zieh deine Mütze,

ein Humorist und schlechter Schütze

liegt hier im finstern Loch.

Die Witze, die er sagte,

die Hasen, die er jagte,

die leben alle noch.

So amüsiert sich der Amtmann, im Rücken tobt, von Eichner ignoriert, die Stadt. Der Alexanderplatz wächst, die Straßenbahnen quietschen, das Restaurant im Fernsehturm dreht sich auf einmal doppelt so schnell, die Welt bucht einen Flug nach Berlin.

Eichner aber betritt nie auch nur den Kaufhof am Alex. Eichner wendet sich nämlich, wenn er in seiner grünen Jägerkleidung aus seinem Friedhofstor tritt, nicht nach links, der Stadt entgegen. Immer nach rechts, zu seinem Auto, das ihn in sein Jagdrevier bringt. Dann streift er mit seinen Jägerfreunden durch den Wald, unter seinem lieben Gesicht ragt mörderisch das Gewehr in die Luft. Sein Jagdhund Willy III. fängt vor Freude an zu bellen, und weg ist das Wild. Eichner umarmt auch Willy.

Irgendwann ist endlich etwas Geld da, um sein mürbes Häuschen aufzumöbeln. Er sagt: „Zuerst die Kapelle.“ Der rissige Boden macht ihm nichts aus, das Heizen mit den alten Öfen, die Kabel über Putz. Er ist ohnehin am liebsten draußen. Er liebt diesen städtischen Wald, den er sich mitten in Berlin geschaffen hat, er liebt seine abendlichen Runden, die Tore kontrollierend. Er liebt das Rauschen der Blätter und dass es auf der Höhe windiger wird. Dass Leute sich aus der tosenden Stadt auf seine Bänke retten und Ruhe finden.

Keiner kann diesen Mann einfach pensionieren. Man versucht das zwar, aber Eichner hört nicht auf zu tun, was er immer getan hat. Jeden Tag ab sechs Uhr früh hilft ihm jemand mit den groben Arbeiten. Er lebt weiter in seinem Backsteinhäuschen, Wohnrecht lebenslang.

Selbstverständlich besteht er darauf, zu sterben, wo er gelebt hat. Eine Umarmung hat sich gelöst. Man hat ihn nicht weit tragen müssen. Deike Diening

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