Berlin : Wolfgang Ernst (Geb. 1943)

„Jetzt muss ich meine Unordnung wieder neu herstellen“

von

Zuletzt war seine Schwester wieder bei ihm. Sie legte sich mit aufs Sterbebett, sein Kopf ruhte auf ihrer Schulter. Und sie ließ ihn erzählen, leise, was immer ihm so durch den Kopf ging.

Wie er aufgewachsen war in der kleinen Wohnung in Tiergarten, vier bildhübsche Kinder, eine junge Mutter, die allein für alle sorgen musste, weil der Vater sich davongemacht hatte. Das Kindergeld für die vier: dreizehn Mark und zwanzig Pfennige pro Woche. „Mädel“, sagte die Mutter zu ihrer Ältesten, „ich bin mir nicht zu fein, ich geh’ auch putzen, ich will nur, dass ihr was zu essen habt.“ Einen ordentlichen Beruf hatte sie ja als höhere Tochter nie lernen dürfen. Die Geschwister schliefen in einem Raum, Schuhe wurden per Ratenzahlung gekauft, aber zu essen gab es immer, und Unterhaltung auch. Es wurde gemeinsam musiziert, gelacht, gekocht, was oft hieß: alles in den Suppentopf, was da war.

Wolfi blieb immer an Mariannes Seite. Er half seiner großen Schwester beim Bohnern, beim Kochen, beim Abwasch. Sogar Stricken brachte sie ihm bei. Er strickte so lange an seinem Schal, bis er lang genug war, um für die Geschwister in vier Teile zerschnitten werden zu können.

Früh fiel auf, dass er ein besonders Kluger werden würde, mit einem kleinen Schuss Wahnsinn. Einmal hat sie seinen Schreibtisch aufgeräumt, er kam nach Hause, ein gellender Schrei, der noch in der weiteren Nachbarschaft zu hören war. „Jetzt muss ich meine Unordnung wieder neu herstellen“, schimpfte er. Die Bücher waren seine Welt, aber das Studium war ihm zu trocken. Er schmiss hin, woraufhin Marianne drohend den Zeigefinger hob. Folgsam ließ er sich zum Bibliothekar ausbilden, und er heiratete. Seine erste Frau fand nicht die Gnade der großen Schwester. „Wolfi, wie kannst du nur? Die ist dir doch geistig gar nicht gewachsen!“ – „Aber lustig ist sie“, beharrte er trotzig.

Nach zwei Jahren war Schluss mit lustig. Auch weil der Nervus Trigeminus ihn so plagte. Er verursachte schlimme Schmerzen im Gesicht, die ruhiges Arbeiten unmöglich machten. Wolfi wurde operiert, seine Schwester verfolgte gemeinsam mit den Studenten das Tun des Professors, aber es brachte keine Linderung. Peu à peu gab er den Bibliotheksdienst auf. Er wohnte immer noch in der kleinen Tiergartener Wohnung, kümmerte sich um Mutti, und um Christa Ludwig, die große Sopranistin, der er hinterherreiste, wann immer es ging. Bis Ruth in sein Leben trat. Da reisten sie gemeinsam zu allen großen Opernpremieren, London, New York, keine Reise war ihnen für die Musik zu weit. Ruth war Theaterwissenschaftlerin, 16 Jahre älter, und ganz und gar nicht für Hausarbeit gemacht.

„Ruthchen, das ist doch blamabel, du kannst ja noch nicht mal ein Kopfkissen beziehen!“, schimpfte Marianne. Und an den Bruder gewendet: „Kleener, bist du des Wahnsinns? Was findest du denn an Ruth schön?“

„Sie ist ein liebenswürdiger Mensch“, beharrte er stolz. Und er behielt recht. Die beiden führten ein wundervolles Leben. Geld allerdings war nie genug da. Er hat zuweilen bei Muttchen geborgt, und als Muttchen tot war, hat er das gemeinsame Erbe für die neue Musikanlage verbraucht, was seine Schwester ihm sehr übel nahm. Aber er hat sich bemüht, alles wiedergutzumachen. Die Welt sollte Harmonie sein. Vielleicht ist er deshalb zum Katholizismus übergetreten. Er fürchtete ein wenig die Strenge der Protestanten.

Vor zwei Jahren wurde Ruth bettlägrig. Er pflegte sie voll Fürsorge. Als ihr Leichnam ins Krematorium gebracht wurde, da saß er im Saal, auf einem Hocker, allein, und verabschiedete sich. Er drückte den Knopf, der den Sarg in die Brennkammer fahren ließ, und er hat gewartet, bis alles vorbei war.

Er wollte ihr noch eine kleine Geige mit ins Grab geben, aber das hat er bei all der Aufregung vergessen. Marianne versprach: „Die kann ich ja noch irgendwann dazupacken.“

Die Gelegenheit kam schneller als gedacht. Wolfi hatte gar nicht bemerkt, wie schlimm es um ihn selbst stand. In den letzten Tagen saßen sie oft auf dem Balkon des Hospizes. Gegenüber stand ein Kirchturm. „Was siehst du denn jetzt?“, fragte Marianne. – „Das Himmelreich.“

Als sie das ihrer kleinen Schwester erzählte, meinte die nur: „Da im Himmel such ihn mal nicht! Der hat doch viel zu viele Hummeln im Hintern! Der treibt sich ganz woanders rum!“

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