Berlin : Wolfgang Fuchs (Geb. 1953)

Aber seine Vorstellung von Zeit unterschied sich von der anderer

von

Er läuft und läuft, von der Penn Station an der 31. Straße die 8th Avenue hoch, biegt ab in die 49. Straße und dann in die 6th Avenue, vorbei an der Radio City Music Hall, die vielen Menschen machen ihm nichts aus, er durchquert den Central Park, auf einem Teich schwimmen drei Enten, dann steht er vor dem Museum of Natural History. Er spürt keinerlei Ermüdung.

„Eines Tages werde ich nach New York fahren“, sagt Wolfgang und wendet den Kopf ab vom Bildschirm. Er kennt die glitzernden Ecken der Stadt und die heruntergekommenen, er hat vor Coffeeshops gestanden und an Bushaltestellen, weiß, wo man Ersatzteile für Fahrräder und wo man Lampen bekommt. Er weiß es, auf virtuelle Weise: mit Google Earth um die Welt.

Seine echte Welt, das war die Fritz-Reuter-Straße 4 in Schöneberg. Er verließ sie kaum, sondern er machte sie zu einer weiten und bunten Welt für sich und für die anderen, die dort wohnten. „Das Haus ist ohne Seele, es ist tot“, sagen sie jetzt. Jeder war nach einem Besuch bei ihm im Laden, einer Lampenmanufaktur, ein wenig klüger, ein wenig froher.

Man fand alles in diesem Laden, Gründerzeitentwürfe, Bauhausmodelle, Ersatzteile für Rokokolüster. Dazu Schrauben, Kabel, Lampenschirme, Werkzeug. Im Keller schraubte Wolfgang Porzellanfassungen in Schirme, reparierte Lampen, baute sie neu, rührte in brodelnden Gefäßen, die auf Bunsenbrennern standen, experimentierte mit Gold, Silber und Messing. Er kannte sich aus mit der Reaktion von Stoffen, hatte er doch nach der Schule eine Lehre zum Chemielaboranten begonnen und war so gut darin, dass man ihn zum Studium in Freiburg zuließ, das er aber hinschmiss, die Tierversuche hätte er keinen Tag länger aushalten können. Also etwas anderes: Tischler. Er baute sich einen Dachstuhl aus, wieder ein kleines Universum: Schloss man die Wohnungstür auf, sprang der Plattenspieler an und die Vorhänge öffneten sich. Aber weiter, nach Berlin. Aushilfsjobs als Maler oder in einem Teppichgeschäft. Und nebenbei das Flohmarktleben. Hier entdeckte er die alten Lampen.

Vielleicht war dieses Haus in der Fritz- Reuter-Straße genau der Punkt, an den er gelangen wollte, etwas Festes, von dem aus er aufbrechen konnte in die Welt seiner Ideen, zu dem er immer zurückkehren konnte. Ein Ort, der ihm gefehlt hatte in seinen Kinder- und Jugendjahren. Nach der Geburt war Wolfgang sofort in eine Pflegefamilie gegeben worden, zu wohlhabenden Weinbauern mit drei Töchtern, die ihn verwöhnt hatten. Mit drei holte ihn seine leibliche Mutter wieder ab und schickte ihn sogleich zur Großmutter nach Frankreich. Für nur eine Woche, aber die erschien ihm wie eine Ewigkeit. Er verstand kein Wort, er war allein, er fühlte sich fremd.

Jahre danach, an einem Abend in Freiburg, saß er in einer Kneipe und plötzlich tauchte ein weinender Junge auf. Wolfgang stand auf, begleitete das Kind nach Hause, niemand war da, er wusch es und las ihm vor, bis es eingeschlafen war.

Jetzt, hier in Berlin, gaben ihm alle Freunde ihre Schlüssel, man weiß ja nie, ihm vertrauten sie eben. Der Laden lief blendend, halb Berlin bestückte er mit Lampen, fuhr auf Messen, stellte zwei Mitarbeiter ein, verdiente gut. Aber seine Vorstellung von Zeit unterschied sich von der anderer. Die Aufträge häuften sich. Kam jedoch die alte Dame von nebenan und bat: „Herr Fuchs, können sie nicht mal kommen, mit der Lampe über meinem Küchentisch stimmt was nicht“, dann ließ er alles stehen und liegen und folgte ihr, reparierte das gute Stück, plauderte ein bisschen, guckte sich auch noch den Kühlschrank an, der so merkwürdige Geräusche machte, und hatte irgendwann vergessen, dass die anderen Kunden im Geschäft auf ihn warteten. Oder die Idee mit den LED-Leuchten: Er gehörte zu den Ersten, die die Möglichkeiten dieser neuen Technik erkannten. Lichtkünstler wollte er nun werden. Bohrte Löcher in einen Stahlquader, so angeordnet, dass sieben Sternenkonstellationen entstanden, verlegte Lichtwellenleiter und stellte den Quader ins Hellersdorfer Rote Viertel. „Licht geht nicht verloren, Licht sucht seinen Weg“, sagte er und beschäftigte sich wochenlang mit einer Brücke, die von Frankfurt rüber nach Polen gebaut und illuminiert werden sollte. Aber über dem Lesen und Zeichnen und Nachdenken vergaß er wieder die Zeit.

Er konnte die Miete nicht mehr zahlen, wollte nicht zum Sozialamt. Eine Freundin half, mietete ihm, gleich um die Ecke, ein Lager, in das er mit seinem Fahrrad alle Schrauben, Kabel, Lampenschirme fuhr. Mit dem Internet, dachte er, würde es gehen, reparierte und baute die Lampen, fotografierte und verpackte sie und brachte sie zur Post. Aber 2012 musste das Lager geräumt werden. Er fuhr alles wieder zurück in die Fritz-Reuter-Straße, in eine leer stehende Remise, schaffte Ordnung, wollte weitermachen. Doch das Haus wurde verkauft.

Vier Monate lang verteilte er seine Dinge an verschiedenen Orten in der Stadt. Anschließend brachte er allen Freunden die Schlüssel zurück. Und dann, an einem Tag im Mai 2014, verschwand er. Die Freunde suchten nach ihm. Nichts. Im Mai 2015 fand man ihn tot in der Nähe stillgelegter Gleise in Schöneberg.

Im Grunde fuhr Wolfgang nur ungern fort, in der realen Welt. Nach New York wäre er wahrscheinlich nie gereist.

1 Kommentar

Neuester Kommentar