Berlin : Wolfgang Jörg (Geb. 1934)

Bücher zum Sehen, Fühlen und Riechen, aus der Zeit gefallen.

Erik Steffen

Gransee bei Berlin. Hilde Domins Gedicht „Köln“ ist gerade auf dem Friedhof verweht: Andere gehen / Die alten Häuser / haben neue große Türen / aus Glas / Die Toten und ich / wir schwimmen / durch die neuen Türen / unserer alten Häuser.

In der gleißenden Mittagssonne schreitet ein Hüne in Rockermontur als ein letzter der mehr als 120 Trauergäste zum Urnengrab, das von den Blumengebinden schier erdrückt wird. Er lässt einen Flachmann in die Höhle gleiten, wischt sich die Augen. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat er für Wolfgang Jörg Bier gezapft. Immer dann, wenn Jazz und Freibier die Lesungen der „Berliner Handpresse“ kurz vor der Frankfurter Buchmesse begleiteten. Die Druckwerkstatt in der Kreuzberger Prinzessinnenstraße platzte dann aus allen Nähten. Im Schatten der Mauer, vis-à-vis dem Grenzübergang Heinrich- Heine-Straße, lag das Reich des Kölsche Jung Wolfgang Jörg. Darin war er alles, Ministerpräsident, Außen- sowie Innenminister, Pressechef.

Ein Einzelkind mit frühem zeichnerischen Talent. Als er nach der Evakuierung die Welt der Kindheit wiedersah, lag sie in Trümmern. Der Vater blieb vermisst. Trotz jesuitischer Schulbildung blieb sein Verhältnis zum Katholizismus und anderen -Ismen indifferent, ja distanziert. Er wollte Künstler werden, studierte Freie Malerei an der Kölner Werkkunstschule und wechselte dann an die Kunsthochschule in Berlin, wo er als Meisterschüler abschloss. Inzwischen hatte er sich autodidaktisch zum „Schweizerdegen“ – Drucker und Setzer zugleich – geschult. Die Expressionisten Schmidt-Rottluff, Heckel und Marcks vertrauten ihm ihre Druckaufträge an. In dieser Zeit lernte er Erich Schönig kennen, ein Mann wie er: jung, mittellos und voller Ideen. Sie verschrieben sich der Kunst des Büchermachens und gründeten 1961 die „Berliner Handpresse“.

Fortan entstanden Bücher zum Sehen, Fühlen und Riechen, aus der Zeit gefallen. Hergestellt mit antiken Druckmaschinen, die modernste mehr als 100 Jahre alt. Reine Handarbeit, reine Antiökonomie. Signiert und limitiert. Buchkunstwerke. Handsatz und eigene Linolschnitte als Illustrationen. Für Holzschnitte fehlte das Kapital. Aufwendige Drucke mit bis zu elf Farben entstanden, bibliophile Kostbarkeiten in Kleinauflagen. Erstveröffentlichungen aus den Nachlässen von Autoren, die durch den NS-Terror vergessen waren oder zwischen den deutschen Systemen hingen. Carl Einstein, Alfred Wolfenstein, Konrad Merz, Georg Kaiser. Adolf Endler, Stefan Heym, Sarah Kirsch, Günter Kunert. Unermüdlich knüpfte Wolfgang Kontakte zu Autoren jenseits der Mauer, vor allem seit Wolf Biermann ausgebürgert worden war. Das gefiel der Stasi selbstverständlich gar nicht. Erich Mielke empfahl den Kollegen vom KGB, die kleine Kreuzberger Handpresse aufmerksamer zu beobachten.

In den Reihen „Werkdruck“ und „Satyren und Launen“ gruben Wolfgang und Kompagnon skurrile Kleinode aus dem Innenleben des preußischen Staats und des Berliner Magistrats aus. Seit 1965 ergänzte Wolfgangs Ehefrau Ingrid das Duo mit ihrer Kinderbuch- Reihe. Auch wenn sich irgendwann ihr Liebes- zu einem freundschaftlichen Arbeitsverhältnis verändert hatte, traten sie immer zusammen auf. Und blieben verheiratet. Während einer Finissage in der katholischen Provinz sprach der Bürgermeister stolz von seiner Silberhochzeit und fragte Wolfgang, wie er denn die seine gefeiert habe. „Im ganz kleinen Kreis. Mit meiner Ehefrau, ihrem Lebensgefährten und unserem Steuerberater.“

Wolfgang Jörg war ein Lebenskünstler und entschiedener Nonkonformist. Auf der Suche nach Geld für seine stets bedrohte Handpresse scheute er keinen Kontakt. Seine rheinische Frohnatur, sein Witz und seine Trinkfestigkeit öffneten ihm Türen. Fürs Goethe-Institut und den Börsenverein des Deutschen Buchhandels reiste er mit seiner Druckmaschine durch die Welt.

Das Jahr des Mauerfalls – eine Zäsur auch für den Verlag. Nach dem überraschenden Tod Erich Schönigs machten die Jörgs alleine weiter. Der Kreis der Autoren und Illustratoren wurde größer. Aber die Zeiten wurden schlechter. Weniger Sammler und weniger Großkunden, die Kundengeschenke bestellten. Förderer starben. Keine Nachfolge. „Mach den Laden dicht!“ Wolfgang ignorierte den Rat seines Steuerberaters, arbeitete weiter.

Dann die kurze schwere Krankheit. Ein Zimmer im Pflegeheim statt seiner Wohnung unter der Werkstatt. Kahle Wände statt der geliebten Käfersammlung und den fleischfressenden Pflanzen. Trotz eines Arbeitstisches und kleiner Fluchten in die Kneipe – es war nichts mehr wie zuvor. Ohne seine Arbeit konnte er nicht leben. Erik Steffen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben