Berlin : Wolfgang Karwatowski (Geb. 1935)

Aus ihm hätte ein Frauenheld werden können

Anselm Neft

Der Vater kam 1945 in Oranienburg ums Leben. Wolfgang, der Älteste übernahm die Rolle des Vertrauten der Mutter und des Ersatzvaters der Geschwister. Vielleicht wirkte er deshalb so früh erwachsen, vielleicht blieb er deshalb lebenslang ein bisschen ein Kind.

Jedenfalls machte er schon in jungen Jahren etwas her. Blonde Schmalzlocke, Krawatte, ein Jackett über breiten Schultern und ein Blick, in dem sich Humor mit Tiefe verband: Viele Mädchen schwärmten für ihn. Er konnte reden und tanzen, war lustig und hatte immer diesen anderen hübschen Bengel an seiner Seite: Kalle. Die Jungen machten in der Schule mit verstecktem Stinkekäs oder Maikäfern ihre Späße, sie gingen mit 16 zusammen in die Zimmermannslehre, weil Automechaniker gerade nicht gesucht wurden, und vergnügten sich in ihrer Freizeit in Tanzlokalen, die „Fischerhütte“ oder „Zwillingsburg“ hießen. Auch den Wehrdienst leisteten sie gemeinsam. Da sie im Ostteil der Stadt wohnten, mussten sie zur NVA. Mutter und Geschwister zogen in den Westen um, ein Onkel riet Wolfgang, sich aus dem Staub zu machen, solange es noch ging. 1954 verlängerte der Gefreite Karwatowski seinen Urlaub bei Mutter und Geschwistern auf unbestimmte Zeit. Danach konnte er Berlin nur über den Flughafen Tempelhof verlassen.

Aus Wolfgang hätte ein Frauenheld werden können, aber er war auch noch das, was man heute „bindungsfähig“ nennt. Seine Hannelore lernte er im Bus kennen, heiratete sie früh, er 21, sie 17, und blieb ein Leben lang ihr Schatz.

Wolfgang konnte sich selbst auch ohne Karriere gut leiden. Es musste bloß Geld her, um die bald vierköpfige Familie zu ernähren. Roger kam kurz nach der Hochzeit zur Welt, Dagmar zwei Jahre später. Wie es seine Mutter in den Nachkriegsjahren vorgemacht hatte, so wurstelte sich nun auch Wolfgang durch: In der Spinnstofffabrik fertigte er Nylonstrümpfe per Hand, bei der BVG war er Schaffner, als Taxifahrer sparte er, bis er ein eigenes Taxi hatte. Wenn Wolfgang etwas tun konnte, war er glücklich. Auch zu Hause fasste er gern mit an: Da kochte er, häkelte, strickte und nähte. Obendrein gilt er als der erste Mann in Zehlendorf, der seine Kinder aus dem Kindergarten abholte und selbst windelte.

In der Freizeit: Bowling, Skilaufen, Eisstockschießen, Bergwandern – alles zusammen mit Hannelore. Wolfgang gehörte zu den Menschen, die das größte Vergnügen am Selbermachen haben: Las er die Reisetagebücher von Fontane, dauerte es nicht lange, bis er die Strecken mit dem Fahrrad nachfuhr. Hatte er mit Hannelore eine Operette besucht, trällerte er anschließend tagelang Motive aus der „Fledermaus“, dem „Bettelstudenten“ oder „Madame Butterfly“. Gedichte von Goethe, Rilke oder Morgenstern rezitierte er selbstverständlich.

Anfang der Siebziger brach bei Hannelore zum ersten Mal der Krebs aus, 1985 noch einmal und 1995 ein letztes Mal, jetzt mit Metastasen, die keine vier Jahre später zum Tod führten. In der ganzen Zeit stand Wolfgang ihr zur Seite – auch wenn er manchmal mehr Trost brauchte als die Kranke. Wenige Tage vor Hannelores Tod ging das Paar essen und besprach in Ruhe, was nun kommen sollte. Von Anfang an hatten sie gemeinsam das Leben geplant, nun also auch das Ende.

Nach dem Tod seiner Frau zog sich Wolfgang ein wenig zurück. Menschenansammlungen mied er, eine neue Liebe kam nicht infrage. Besser als es gewesen war, würde es ohnehin nicht mehr werden. Die Familie blieb sein Bezugspunkt: Er kochte für seine Kinder und seine Enkeltochter, wobei eines seiner Küchengeheimnisse in der großzügigen Verwendung süßer Sahne lag. Auch als Geschichtenerzähler und Politikexperte – „Trau nie der FDP, die brechen immer ihr Wort“ – bereicherte er das Familienleben.

Als sich Wolfgang einmal im Kaufhaus wegen eines Wolkenbruches eine Regenjacke kaufen wollte, fiel ihm ein Buch in die Hände: „Skizzen mit dem Bleistift“. Der Anfang einer neuen Leidenschaft. Ein paar Monate später waren zu dem einen Buch Dutzende ähnliche hinzugekommen, während Wolfgangs Wände zahlreiche Skizzen, Aquarelle und Acrylbilder zierten. Vor allem Landschaften. Die Lehrerin der Volkshochschule bescheinigte ihm Talent. Weitergemalt hätte er auch ohne Lob.

Im Januar 2010 erhält auch Wolfgang eine Krebsdiagnose. Am 11. Todestag seiner Frau schleppt er sich todkrank zu ihrem Grab. Dann ruft er seinen Cousin an: „Jetzt ist es so weit. Jetzt geh ich zu meiner Lore.“

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