Berlin : Wolfgang Leder (Geb. 1906)

Ob im Osten oder im Westen, er war ein Großberliner.

Lothar Heinke

Er sitzt auf der großen Bühne, 400 Gäste feiern um ihn herum: Der Friedrichstadtpalast tanzt um seinen dienstältesten Mitarbeiter, besser: um seinen ältesten Star. Bescheiden sitzt er da, groß, schlank, aufrecht, und lächelt hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille. Er hat sein Lebensziel erreicht: „Hundert will ich werden, und alles, was danach kommt, ist ein Geschenk.“

Nach drei geschenkten Jahren fällt der letzte Vorhang in diesem Leben, das von einem Jahrhundert ins nächste reicht und von fünf politischen Epochen geprägt wird. Als Johannes Wilhelm Wolfgang Leder in Berlin geboren wird und wohlbehütet in einem gutbürgerlichen Elternhaus ins Leben wächst, regiert der Kaiser, Berlin wird groß und größer. Den Weltkrieg nennt er später sein erstes Abenteuer.

Seiner Berufung folgt er in den goldenen Zwanzigern. Atemlos saß er im Parkett, als ihn die Eltern in die Staatsoper, ins Schauspielhaus und ins Deutsche Theater mitnahmen, doch erst die Revuen mit Tanzgirls zünden in ihm das Feuer. Er will sie anziehen, die Girls mit den langen Beinen, er will sie in glitzernde Kulissen stellen. 1927 führt ihn das erste Engagement als Bühnenbildner ans Landestheater Schneidemühl in der Provinz Posen. Hier kann er sein Talent entfalten. Er zieht von Stadt zu Stadt, stattet Shakespeares Dramen aus und Lehars Operetten, Zeitstücke, Schwänke, alles.

Wolfgang Leders Lehrjahre enden ganz logisch in der Hauptstadt. Dort verfällt er endgültig der Revue, die Musen werden von ihm mal aus-, dann wieder angezogen, mit Federboas und Flitter bestückt, bunte Bühnenbilder wirken wie hingetupft, eine Zeitung schwärmt: „Er gibt dem Regenbogen die Farben.“ Die bunte Spur geht kreuz und quer durch Berlin: Großes Schauspielhaus, Metropol, Scala, Wintergarten, Admiralspalast. Ab 1939 ist er Chefbühnenbildner im „Plaza“, dem 3000-Zuschauer-Varieté in Friedrichshain. Und er kannte sie natürlich alle: Marlene Dietrich, Zarah Leander, Heinrich George, Johannes Heesters. Aber die Zeiten bleiben nicht so heiter. 1944 muss auch er an die Front, in Italien wird er verletzt und von den Amerikanern gefangengenommen. Im Oktober 1945 lassen sie ihn frei. Auf abenteuerliche Weise gelangt er nach Berlin und bezieht die Acht-Zimmer-Wohnung seiner Eltern in Halensee, in der er bis zu seinem Tod wohnt.

Die Stadt liegt in Trümmern, und der Bühnenzauberer stellt schon wieder seine bunten Bilder auf die Bretter. Er improvisiert mehr denn je, überall, wo Theater mit und ohne Musik das Publikum vom Trümmergrau ablenken soll.

1954 findet Wolf Leder die Erfüllung seines Lebens. Er wird Ausstattungsleiter im Friedrichstadtpalast dem Prachtbau Am Zirkus 1 neben dem Berliner Ensemble. Auch hier passen 3000 Zuschauer hinein. Die Girls tanzen wieder, die Kulissen glitzern, auch wenn der Ost-Berliner Zeitgeist wenig Glamouröses hat. „Kinder wie die Zeit vergeht“, „Fantasie in Schwarz-Weiß“, so heißen die Ausstattungsrevuen.

Als die Stadt 1961 endgültig geteilt wird, ändert sich für Wolfgang Leder nicht viel. Er bleibt. Das heißt: Er macht seinen Job am Friedrichstadtpalast im Osten und wohnt weiterhin im Westen, Halensee. Er arbeitet auch im Westen. Fährt mit seinem Cabrio jeden Tag hin und her, ein gesamtberliner Grenzgänger, graue Eminenz und Grandseigneur, immer in hellem Zwirn, maßgeschneidert. „Ein Exot“, sagen die Kollegen heute, einer, der sich nicht um die Spaltung scherte, sondern sie gewissermaßen täglich überwand und dabei wusste, was er seinen Mitarbeitern aus dem Osten schuldig war. In der Nazizeit hatte er bei Auslandsreisen Immigranten mit Geld ausgeholfen und ihnen Dinge mitgebracht, die sie bei der Flucht zurückgelassen hatten. Zur Mauerzeit besorgte er nicht nur Stoffe und Pailletten für die Frauen auf der Bühne, sondern erfüllte den Ost-Berliner Kollegen große und kleine Wünsche.

Wolfgang Leder war ein Großberliner, immer schon. Politik interessierte ihn ebenso wenig wie Klatsch und Tratsch. Und wenn es knirschte und krachte, was ja vorkommen soll in diesem Gewerbe, lud er zu seinen legendären Schokoladen-Partys. „Ich hab da was Süßes mitgebracht“, sagte er und lockte die Streithähne in sein Büro.

Die DDR wollte ihn ganz für sich und bot ihm eine Villa am Müggelsee an. Er sagte Nein – und behielt recht: „Eines Tages muss ich nicht mehr durch diese blöde Grenze.“ Lothar Heinke

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