Berlin : Wolfgang Pagel (Geb. 1935)

Die Maschinengewehre am Brandenburger Tor zeigten nach Westen

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Die Mauer war seit zwei Tagen offen. Höchste Zeit, dass sich die obersten Polizisten beider Stadthälften darüber verständigten, wie es weitergehen sollte. Am 11. November 1989 um 13 Uhr 57 standen sie sich am Checkpoint Charlie gegenüber: Georg Schertz, West-Berlins Polizeipräsident und Günter Leo, stellvertretender Kommandant des Ost-Berliner Grenzschutzkommandos Mitte. Einer ihrer Tagesordnungspunkte: Wäre doch schön, wenn wir künftig wenigstens miteinander telefonieren könnten.

Schertz hatte dafür seinen Experten mitgebracht: Wolfgang Pagel. Und der sagte: Kriegen wir hin. Noch am selben Tag, um 23 Uhr 44, stand die Leitung zwischen dem Polizeipräsidium West am Platz der Luftbrücke und Ost an der Keibelstraße. Mittels eines FF 54, Feldtelefon mit Kurbel, bei der Bundeswehr auch Nato-Brötchen genannt. Wolfgang Pagel war ein Organisationstalent. Sagen alle, die ihn kannten. Talente hatte er diverse, denn sein Weg zum obersten Fernmeldetechniker in den Stab des Polizeipräsidenten war keineswegs geradlinig.

Er hätte genauso gut Schauspieler werden können. Oder Gigolo, immerhin wäre er mit Mitte 20 locker als Horst- Buchholz-Double durchgegangen. Helen Vita wollte ihn gar nicht mehr gehen lassen, als er ihr die Maßschuhe brachte. Und Schuster, das war der Beruf, der eigentlich für ihn vorgesehen war.

Wolfgangs Vater hatte mit der Schusterei sein Glück gemacht, als er aus Pommern nach Berlin einwanderte: ein eigener Laden in der Neuköllner Donaustraße. Die Donaustraße, hier lag Wolfgangs Kinderwelt. Er war vier, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Die Eltern schickten ihn und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Gerhard zur Sicherheit aufs Land. Und holten ihn 1943 zurück. Wenn wir schon sterben müssen, sagten die Eltern, dann wenigstens alle zusammen.

Zu Hause erlebten die Jungs den Bombenkrieg. Der Boden bebte, als eine Luftmine die andere Seite der Donaustraße zwischen Fulda- und Innstraße abräumte. Sie sahen das flackernde Licht der tanzenden Glühbirne an der Kellerdecke und rochen den Duft von Kartoffeln und Zwiebeln, wenn sie vor Angst ihre Gesichter in Mutters Kittelschürze pressten. Sie sahen, wie Frau Löder von gegenüber auf dem Pflaster starb. Sie war aus dem Fenster gesprungen, als die Gestapo sie abholen wollte. Direkt neben den Jungs schlug sie auf. Wolfgang erinnerte sich noch lange an dieses Bild. Und schließlich sahen sie auch die toten Hitler-Jungen liegen, die vorn an der Ganghoferstraße die Russen hatten stoppen sollen.

Trotzdem sagte er später, seine Kindheit sei glücklich gewesen. Sie hatten immer beide Eltern um sich, anders als so viele Freunde, die ohne Vater aufwuchsen. Die Kindheit war glücklich, weil so viele Kinder in Neukölln lebten, genug, dass es in jeder Straße für eine Bande reichte. Mindestens einmal war Wolfgang der Donaustraßenbandenheld, als er drüben in Gatow am Ufer der Havel einen kleinen Fallschirm erbeutete, an dem zehn Packungen Schokolade hingen. Das war während der Blockade, als die Flugzeuge keine Bomben mehr warfen, sondern Süßigkeiten. Es fügte sich, dass sie im Sommerlager zu zehnt im Zelt waren, es für jeden reichte.

Schuster war nach dem Krieg erst recht ein guter Beruf. Sohlen brauchten alle, Berliner, Russen, Amerikaner. Wolfgang lernte in einer Theater- und Ballettschuhmacherei in der Hermannstraße. Er brachte die Ware zu den Kunden. Romy Schneider drehte sich auf dem Gelände der Tempelhofer Studios nach ihm um. Hans Albers empfing ihn im Hotel. „Der hat immer eine Cognac-Flasche parat“, erzählte er stolz zu Hause. Aber Wolfgang litt unter einer Gerbstoffallergie. So wurde es nichts aus der Schusterei.

Mit Mitte 20 brauchte er etwas Neues. Und bekam von einem Nachbarn in der Buckower Kolonie „Heimaterde“ einen Tipp; die Eltern besaßen dort eine Laube. Wenn es einen Ort gibt, wo sich West- und Ost-Berliner immer ähnlich blieben, dann die Kleingartenkolonie. Sie war der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, wo man Karten spielte, Sommerfeste feierte, mit Tante Lenchen und Onkel Paul. Und wo man solche Tipps bekam: Geh’ doch zur Polizei.

Wolfgang wurde Schupo. Sein Revier lag am Kaiserdamm, und dazu zählte der Rotlichtkiez rund um den Stuttgarter Platz. Am 13. August 1961 um 5 Uhr 30 klingelte ein Polizist bei ihm zu Hause Sturm. Alarm, nein, nicht im Kiez, sondern an der Grenze zwischen Ost und West. Die Mauer wurde vorbereitet. Ein Polizeilastwagen brachte Wolfgang Pagel zum Brandenburger Tor. In seinem Rücken postierten sich Angehörige der Ost-Berliner Betriebskampfgruppen. Maschinengewehre wurden in Stellung gebracht, die Läufe zeigten nach Westen. Vor ihm versammelten sich wütende West-Berliner, in der Luft ein ständiges Rufen und Schreien. Davon berichtete er später vor einer Fernsehkamera.

Es mag Menschen geben, die in solchen Augenblicken unsicher werden, ob ihre Berufswahl richtig war. Wolfgang nicht, sagt Monika, seine Frau. Er hat auch gerne getanzt, auf dem ADAC-Ball und dem Kripo-Ball und was es in West-Berlin noch für Bälle gab. Aber mindestens genauso habe er seine Arbeit gemocht, sei jeden Tag gerne hingegangen.

Monika hatte er beim Tanzen kennengelernt, 1962 in Wyk auf Föhr. Sie begleitete als Erzieherin eine Jugendgruppe aus dem Saarland, die beiden trafen sich in einem Tanzschuppen namens „Erdbeerparadies“. Um Mitternacht waren die Musiker so betrunken, dass sie nicht weiterspielen konnten.

Zwischen dem Saarland und Berlin liegen 800 Kilometer. Das wird nichts, dachte Monika und schrieb das ihrem Wolfgang auch. Der stieg in seinen VW- Käfer und fuhr ins Saarland. Dort traf er erst mal nur die Eltern an, Monika war noch bei der Arbeit. Der Vater, selbst einst Soldat, hatte seine Tochter noch gewarnt: Gut aussehende Uniformträger taugen nichts. Jetzt fand er den jungen Polizisten aus Berlin ganz patent, und als die Tochter nach Hause kam, waren ihre Eltern und Wolfgang schon ein Herz und eine Seele. Auch so ein Talent von ihm.

Monika zog erst einmal zur Probe nach West-Berlin, natürlich in eine eigene Wohnung, Admiralstraße, Klo auf halber Treppe. Es kam ihr alles ziemlich trübe vor. Das Zentrum West-Berlins mochte inzwischen ein wenig nach Schaufenster des Westens ausgesehen haben. Aber sonst war die Stadt grau und noch immer demoliert vom Krieg.

Monika blieb trotzdem und brachte bald eine Tochter und einen Sohn zur Welt. Wolfgang machte bei der Polizei sein Abitur nach und studierte. Wie gesagt, er liebte seinen Beruf, aber als sie ihn zur Führungsakademie nach Hiltrup schicken wollten und er erfuhr, dass er dort zwei Jahre bleiben sollte, getrennt von der Familie, da lehnte er ab.

Jedes Jahr besuchten sie die Verwandten in der DDR. Nicht, dass West-Berliner Polizeibeamten das verboten gewesen wäre, aber melden musste er es schon. Ob so etwas bei den Vorgesetzten gut ankam? Es scherte ihn nicht. Logistischer Höhepunkt war das große Familienfest 1988 in Frankfurt an der Oder. Die Ostverwandtschaft ließ alle Beziehungen spielen, um die Westsippe im „Haus des Handwerks“ unterzubringen. Und der war es egal, ob sie beobachtet wurde oder nicht.

Nach dem Mauerfall wurde Wolfgang gefragt, ob er schon mal einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt habe. Könnte doch sein, dass es da was über ihn gebe, dass möglicherweise Menschen, die er kannte, über ihn berichtet hatten. „Will ich gar nicht wissen“, antwortete Wolfgang.

Auch ohne Führungsakademie hatte er Karriere gemacht, vor allem wegen seines Organisationstalents. Übel nahm er seiner Polizei nur, dass er sie mit 60 Jahren verlassen musste. So waren die Bestimmungen Mitte der Neunziger. Fortan arbeitete er ehrenamtlich in der Beratungsgruppe für Seniorensicherheit und in der Polizeihistorischen Sammlung. Er trat in den Verein für die Geschichte Berlins ein. War schließlich einer, der sich gern und gut erinnerte.

Als ausgerechnet ihn das große Vergessen heimsuchte, wollte er es nicht wahrhaben und musste es doch akzeptieren. Drei Jahre dauerte es, bis er dem letzten Tag des Abschieds entgegendämmerte. Noch einmal sollte die Familie zusammenkommen, die war ihm doch immer wichtig. Nur die Tochter fehlte. Sie konnte es nicht mehr rechtzeitig schaffen. So hielt man dem ehemaligen Experten fürs Fernmeldewesen das Telefon ans Ohr. Die, die dabei waren, sind sich sicher: Er starb entspannt. Andreas Austilat

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