Berlin : Wolfgang Schäfer-Wernicke (Geb. 1949)

Bis ihm dann die Akkorde verrutschten

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Stell dir vor, du wirst eingemauert. Von den Füßen aufwärts. Stein um Stein, eng anliegend. Du wirst eingezwängt ins engste vorstellbare Gefängnis, in deinen eigenen Körper. Du kannst atmen, sehen, riechen. Du kannst nicht mehr gehen, nicht mehr greifen, nicht mehr sprechen. Aber dein Geist bleibt wach. Was für ein böser Zauber! Das medizinische Wort dafür: Multiple Systematrophie. An Bord der Enterprise hätten bei dieser Meldung alle Alarmsirenen in grellstem Rot gelärmt: Komplettausfall des Systems. Irreparabel. Sieben Jahre Restlaufzeit, höchstens. Unvorstellbar für einen Technikfreak. Dass da einfach nichts mehr zu machen war. „Und ich geb’ nicht auf, / versuche stets mein Bestes, / geb’ immer alles, was ich kann.“ Hatte er diesen Refrain im Ohr, als er entschied, es bis zum Ende durchzustehen? Rock ’n’ Roll forever. „Jeden Tag aufs Neue / und mein Leben lang, / damit ich morgens noch / in den Spiegel sehen kann, / damit ich das noch jeden Morgen kann.“

Du siehst in den Spiegel. Du weißt, ab jetzt sind die Tage in Freiheit gezählt. Sagst du es deiner Frau, deinen Kindern, deinen Freunden? Wolfgang behielt es für sich, mehr als zwei Jahre lang. Bis es nicht mehr zu übersehen war. Er fiel immer wieder hin. „Du musst unbedingt mal zum Arzt! Was hast du denn? Ist dir unwohl?“ Wenn es das nur gewesen wäre.

„Ey, das sind falsche Töne!“ Er, der Leadgitarrist, konnte die Soli nicht mehr richtig greifen. Er wurde unleidlich, empfand die Kritik als voreilige Krankmeldung.

Dann stand er da am Herrmannplatz, gab Gas, und seine Maschine fuhr plötzlich allein weiter, 200 Meter Solo. Er hatte das Ding nicht mehr im Griff. Bis dahin war er jeden Tag mit dem Motorrad zur Schule gekommen, bei jedem Wetter. Damit war jetzt Schluss. Und mit der Schule bald darauf auch. Wolfgang war Hauptschullehrer mit Leib und Seele gewesen. Was bei knapp ein Meter siebzig Körpergröße vor allem eins bedeutete: Präsenz zeigen. Die Schüler liebten ihn. Werken, Arbeitslehre, da konnte er vorführen, was man mit den Händen alles machen kann. Er war das Mastermind in Computerfragen, und wenn es auf Klassenfahrt ging, versammelte er die Selfie-Kids am Lagerfeuer, griff die Klampfe und brachte sie dazu, „Blowin’ in the Wind“ zu trällern.

Wenn er nicht in der Schule bastelte, werkelte er an seinem Campingbus, mit dem die ganze Familie dann auf Tour in den Süden fuhr. Was brauchte es dann noch mehr als eine lange Angelleine, um den Fisch fürs Abendessen aus dem Meer zu holen. Die Familie und die Kumpels. Er war ein Eishockey-Crack, der für seine Leidenschaft immer mal wieder mit einem blauen Auge oder einem wackligen Zahn zu büßen hatte. Und dann war da natürlich die Band „The Real Friends“. Mehr als 40 Jahre Rock ’n’ Roll. Er als Lead-Gitarrist, rauchige Stimme und die Lyrics mit Lautmalerei improvisiert, denn in den Anfangsjahren war es ja gar nicht so einfach, an die Originaltexte zu kommen. Das Publikum war gemischt, aber immer begeistert. Sie spielten vor Knastis, auf Geburtstagspartys und vor den geistig behinderten Kindern in der Schule seiner Frau. Da ging es immer gut ab. Bis ihm dann die Akkorde verrutschten, weil die Finger nicht mehr gehorchten.

Seine Frau hat ihn zu Hause gepflegt. Die Kinder haben ihm Mut gemacht. Er hat nicht gehadert mit seinem Schicksal. Wenn er ein bisschen laufen konnte, ist er gelaufen. Im Rollstuhl ließ er sich raus ins Grüne fahren und blinzelte in die Sonne. Sie haben gern Einladungen angenommen, wenn die Freunde damit umgehen konnten, dass es eine Weile brauchte, bis er vom Auto ins Haus kam. Und er bei Tisch auch mal kleckerte.

Sein Lachen blieb ansteckend. Seine Reiselust auch. Sie fuhren noch mal nach Frankreich, Italien, bis runter nach Sizilien. Es war alles gut irgendwie.

Er ist auch nicht erstickt, wie es bei dieser Krankheit am Ende oft geschieht. So ruhig sein Gemüt wurde, so ruhig ist er eingeschlafen. Und nicht wieder aufgewacht. „Das war’s dann, Freunde. Yeah.“

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