Berlin : Wolfgang Staschen

Man erreichte ihn am „Fernsprecher“. „Telefon“ klang ihm zu modern

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Mauern aus Büchern haben ihn nie behindert. Zola, Heine, Goethe, Marx, die ganzen Klassiker, dann politische Biografien, Soziologie, Reiseliteratur, Landkarten, Stiche. Und irgendwo auf einer Lichtung zwischen den Papiertürmen saß Wolfgang Staschen, die großen schweren Hände übereinandergeschoben, Rollkragenpulli, Cordsakko, Hornbrille, und erzählte Geschichten aus der Nachkriegszeit, von Willy Brandt und Herbert Wehner, oder von den frühen Bewohnern der Potsdamer Straße, als sie noch eine bürgerliche Gegend für Künstler und Sammler war, von Joseph Roth oder Theodor Fontane, oder von den goldenen Antiquariatszeiten vor der Amazonisierung des Buchgeschäfts, als Literaten und Schauspieler zu ihm kamen, Ilse Pagé, Brigitte Grothum, Manfred Krug.

Staschen erzählt, und der Antiquariatsbesucher, der eigentlich nur mal kurz was fragen wollte, wird langsam unruhig, schaut heimlich auf die Uhr, wartet auf eine Lücke im Gedankenstrom, breit genug für ein „Ich muss dann mal ...“. Oder bis die Türklingel den nächsten Kunden ankündigt, auf den nun der Monolog des Antiquars umgelenkt wird.

Die beigefarbene Tüte aus reißfester Folie, die Staschen für seine Kunden anfertigen ließ, trägt problemlos zehn Kilo Gebrüder Grimm oder eine halbe Gesamtausgabe von Balzac. „Antiquariat Wolfgang Staschen“ steht in Frakturschrift unter der Haltelasche, am Tütenboden sind Ziffern zu lesen, die Nummer des „Fernsprechers“. „Telefon“ klang in Staschens Ohren zu modern.

Bevor er sein Leben der Vermittlung verwaister Bücher widmete, hatte Staschen ein paar andere Tätigkeiten ausprobiert: Tierarzt, Jockey und Imbissbesitzer. Als Tierarzt wollte er sich vor allem um das Großvieh kümmern, das hatte er zu Hause in Dahlewitz bei den Bauern kennengelernt. Nach dem Krieg, den er verletzt an der Westfront beendete, begann er ein Studium der Veterinärmedizin an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Doch weil er kein Kommunist sein wollte und die Zwangsvereinigung von KPD und SPD ablehnte, ging er ohne Studienabschluss in den Westen.

Dort machte er eine Buchhändlerlehre im Antiquariat Carl Wegner und eröffnete am Nollendorfplatz einen Bücherkarren nach dem Vorbild der Pariser Bouquinistes. 20 Pfennig kostete jedes der rund 800 Bücher. Das Geschäft lief bald sehr gut, Staschen konnte einen Laden in der Bülowstraße mieten und sich ein Auto leisten, einen Opel Kapitän mit viel Platz für Bücherkisten.

Er verdiente so gut, dass er sich ein Pferd mit Sulky leisten konnte. Damit erreichte er einige respektable Platzierungen auf der Trabrennbahn Mariendorf. In den siebziger Jahren übernahm er einen Imbiss am Nollendorfplatz, auch der lief ausgezeichnet. Der Kern seines Schaffens blieb dennoch das Antiquariat, mit dem er in die Potsdamer Straße zog. Bis zu 25 000 Bücher stapelten sich in Keller und Ladengeschäft. Staschen konnte schlecht Nein sagen, wenn eine private Bibliothek zur Auflösung kam. Und auf allen Reisen besuchte er Antiquariate und kaufte Bücher. Eine Schiffsreise durchs Mittelmeer wurde so zur kräftezehrenden Partie; Staschen hatte sich unterwegs in ein Architekturlexikon verliebt. 20 Bände. Leider fand sich über Jahrzehnte nicht der richtige Käufer.

In den achtziger Jahren kam Benny Härlin, der Hausbesetzer und „radikal“-Herausgeber, in Staschens Bücherlabyrinth. Härlin schrieb an einem Buch über die Potsdamer Straße, das Buch, das Staschen schon längst hätte schreiben wollen. Staschen und Härlin verstanden sich gut, auch wenn sie politisch verschiedenen Lagern angehörten. Für revoltierende Hausbesetzer hatte der Büchernarr nicht viel übrig. Im Zweifel warfen sie schließlich auch seine Schaufenster ein.

Damals war Staschen noch aktiv in der Berliner SPD. Nach dem von Helmut Schmidt durchgesetzten Nato-Doppelbeschluss trat er aus der Partei aus und gründete eine neue, bessere SPD, die „Soziale Volkspartei Deutschlands“, die SVD. Am 18. August 1984 war das Gründungstreffen mit 200 Mitstreitern im „Hotel Berlin“ am Lützowplatz. Danach passierte nicht mehr viel. Unter SVD findet sich heute nur noch der „Snowboard Verband Deutschland“. Staschen ist nie Ski, geschweige denn Snowboard gefahren. Mercedes fuhr er, nach dem Opel nur noch Mercedes. Bis nach Rom ist er damit gefahren oder nach Avignon, hinein in die verwinkelte Altstadt, bis die Gassen immer enger wurden, dann scharf rechts um die Ecke, und das behäbige Auto saß fest. Vielleicht gab Staschen den Anlass, Teile des Stadtzentrums für Autos zu sperren.

Früher waren die Studenten in sein Archiv des Wissens gekommen, auf der Suche nach Literatur für ihre Doktorarbeit. Sammler fragten nach Ringelnatz-Bänden aus den Zwanzigern, Touristen stöberten nach Zufallsfunden. Staschen war stolz auf sein traditionsreiches Gewerbe. Der Niedergang begann mit dem Internet. „Die Leute haben keine Muße mehr“, klagte er. Aufhören konnte er nicht, auch wenn der Laden nichts mehr abwarf. Nur die Müdigkeit wuchs mit den Jahren. Und das Gedächtnis ließ nach.

Er stürzte, schlug sich den Kopf auf, fiel ins Koma und wachte nicht mehr auf.

Das Antiquariat überlebte seinen Chef noch fast ein Jahr. Staschens Witwe setzte die Bücher erst um ein Drittel, dann um die Hälfte, schließlich um zwei Drittel des Preises herab. Zuletzt wurden sie verschenkt. Ende Januar war der Laden leer und die Tür blieb zu. Thomas Loy

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