Berlin : Wolfgang Stütze (Geb. 1934)

„Na, Kleene, gehste auch aufs Sommerfest nachher?“

Anselm NeftD

Trari trara, der Brotmann ist da. Und hat auch Kuchen dabei. Nein, Eis nicht, sonst hieße er Eismann. Und fesch ist er. Die Haare an den Seiten so nach hinten gegelt. Ein bisschen Kirk Douglas, ein bisschen Marius Müller-Westernhagen. Eine gute Laune fährt der durch die Straßen von Altheiligensee, da muss die Mutter der Tochter mal sagen: „Schau dir den mal an, den schmucken Brotmann.“ Tochter Dorit hört gut, was die Mutter spricht, und als sie samstags durch den Garten aufs Tor zuschreitet, da sieht sie der Brotmann wie in Zeitlupe auf sein Wägelchen zukommen. Ja, hat man so was schon gesehen? Dieser Gang, diese dunklen Locken, und die Julisonne dazu. „Na, Kleene, gehste auch aufs Sommerfest nachher?“ Die richtige Frage zur richtigen Zeit. Dorit und der Brotmann heiraten drei Jahre später.

Der Brotmann heißt Wolfgang, aber sie nennen ihn Otto. Warum, weiß bald keiner mehr. Dorit heißt nur Dorit und ist Wolfgangs Ein und Alles. „Dorit“, schallt es am Morgen, „Dorit“ am Mittag und am Abend. Die Nachbarn kennen die Nuancen im Stimmfall des rufenden Mannes. Das ist schon im Krantorweg, im eigenen Haus. Nach dem Krieg musste man sich das erst einmal zusammensparen. Wolfgang hat es so gemacht: Tagsüber in der Bäckerei der Eltern gearbeitet, nach Feierabend beim Vermieter gelernt, einem Jalousienfrickler, einem Krauter vor dem Herrn, der es zur Firma brachte: „Jalousien-Urban“. Wolfgang immer mittenmang. Der Laden wird an Karrasch verkauft, Wolfgang fest angestellt. Brote backt er keine mehr. Jetzt sieht man ihn im roten Ford-Combi mit weißem Jalousiensymbol durch die Gegend brausen – die „Karrasch-Bombe“.

Neben Dorit und der Arbeit hat Wolfgang eine dritte Leidenschaft: Fußball. Als Junge in den Auen, später beim SC-Heiligensee, dann als Zuschauer, vor allem wenn Sohn Thomas kickt. Da steht Wolfgang hinterm Tor der eigenen Mannschaft und klammert sich in den Maschendraht. Sie nennen ihn „Kralle“.

Premiere sei dank, muss Wolfgang in gesetzterem Alter nicht mehr mit in die Stadien. Wenn sein Sohn und seine beiden Töchter Hertha BSC oder Tennis Borussia anfeuern, sitzt er bei Nüsschen vorm Fernseher. Konferenzschaltung: Per Handy erreicht er Tochter Carola im tosenden Stadion. „Dit war doch ein klares Foul, is’ der blind, der Schiri, oder wat?“

Wie alles, macht Wolfgang das Fußballgucken am meisten Spaß, wenn Dorit dabei ist.

Er ist ein Mann alter Schule: Dorit soll nicht arbeiten gehen. Rasenmähen und Zaunstreichen: Auch das sind Männerarbeiten. Allerdings ernennt Wolfgang seine Frau zur Finanzministerin. Einmal im Jahr muss sie die Bücher vorlegen und Rede und Antwort stehen. Ein harter Hund ist Wolfgang dabei nicht: Er lacht über sich selbst, ist schnell gerührt, lässt sich gern Blumen schenken, und wird sentimental wenn im Familienurlaub gleich hinter dem Brennerpass die Kassette mit Albano und Romina Power läuft.

Und ein Lausbub ist er. Die Mutter hat Geburtstag – Wolfgang schickt eine Karte: „Alles Gute zum Geburtstag. Dein Fernando.“ Fernando ist Mutters Dackel. Die Nachbarn sind ein paar Tage weg – Wolfgang bringt ein Pappschild in ihrer Einfahrt an: „Zimmer frei“. Im Haus gegenüber ziehen Schweizer ein – Wolfgang feiert den Schweizer Nationalfeiertag am 1. August. Er dekoriert sein Anwesen mit Schweizer Fahnen und baut aus einer Regenrinne ein Alphorn.

Wer ihn so kennt, kann sich ihn nicht vor Angst schreiend vorstellen. Wie er nachts hochschreckt, die immer wiederkehrende Szene noch klar vor Augen: Das Haus, vor dem er wartet und wartet, auf den Vater, der nicht kommt.

Wolfgangs Vater ist in den letzten Kriegstagen noch mit Hakenkreuzbinde herumgelaufen. Da holten die Russen ihn ab und verhörten ihn in einem Haus in Altheiligensee. Davor wartete Wolfgang, umsonst. Der Vater war auf dem Weg ins Lager.

Als er Jahre später zurückkehrt, ist die Bäckerei Stütze längst in die Hand des Onkels übergegangen.

Selbst als Rentner hat Wolfgang noch die Träume. Mittlerweile erinnert er nicht mehr an Westernhagen, eher an dessen Song „Dicke“. Er ist in allem maßvoll und bescheiden, nur bei Dorits Hausmannskost greift er beherzter zu. Hier ein leckeres Kassler, da ein paar Teller von den heiß geliebten Brühkartoffeln. Und dann sind da natürlich die herrlichen Sahnetorten und Eisbomben, die er nach geheimen Familienrezepten selbst anfertigt. So was geht aufs Herz.

Das Ende beginnt mit einer leichten Bronchitis, die eine schwere Lungenentzündung wird. Tochter Sabine bricht ihren Urlaub in Wien ab, um ihn auf der Intensivstation zu sehen. Seine Begrüßung: „Wo is’ deine Mutter? Hier klappt ja janüscht!“

Dabei ist Dorit fast immer da.

„Ich kann nicht mehr“, sagt er.

„Du musst auch nicht“, sagt Dorit und nimmt seine Hand. Anselm Neft

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