Berlin : Worauf das Kind im Manne fliegt

Die Luftfahrtausstellung in Schönefeld begann mit Gedränge. Aber wer sich viel Zeit lässt, kann Faszinierendes lernen Selbst die Fachbesucher verharren in andächtigem Staunen, wenn Flugzeuge und Hubschrauber vor ihren Augen Pirouetten drehen

Stefan Jacobs

Wenn ein Anzugträger ein Band durchschneidet, bedeutet das: Eröffnung. Dieses weltweit verständliche Ritual hat wohl auch die Verantwortlichen der Luftfahrtschau ILA bewogen, ein Eröffnungsband zu spannen. Es ist schwarz- rot-gold, knapp zwei Meter lang und spannt sich völlig sinnfrei über dem Beton des Flughafens Schönefeld. Um 9.33 Uhr am Dienstagmorgen greift Bundeswirtschaftsminister Michael Glos zur Schere, guckt feierlich und – schnipp! Neben ihm lächeln Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Wirtschaftsstaatssekretärin Dagmar Wöhrl, Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf und Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck. Im Hintergrund steht seine Majestät, der Airbus A380. Die Worte der VIPs sind kaum zu hören, weil nebenan bei Wladiwostok Avia ein ziemlich lauter Generator brummt.

Nach zehn Minuten im Bauch des Riesen-Airbus eilen die Politiker zum Stand des Wirtschaftsministeriums in Halle 9. Sie bekommen Polarisationsbrillen aufgesetzt und müssten nun etwas sehen, das die anderen nicht sehen. Als ein Standbetreuer zur Erklärung anhebt, ist das Zeitfenster aber schon wieder zu, die Brillen werden eingesammelt, die Politiker gehen in den Raumfahrtpavillon. Hier steht ein Modell der Trägerrakete Ariane 5 in gedämpftem Licht, kaum heller als eine Sternennacht. Die Blitzlichtgewitterwolke mit den VIPs zieht vorüber. Sinnlos, ihnen weiter zu folgen. Lieber bleibt man hier, wo Sphärenklänge perlen und ein nur armlanger Roboter bislang unbeobachtet rotiert. Und was für einer! Ein Meisterwerk, das hoffen lässt für den Standort Deutschland.

Dieser Roboter hat Gefühl. Er kann Oberflächen abtasten und über einen Joystick vermitteln, wie sie sich anfühlen. Er kann ein Ei greifen, ohne es zu zerquetschen, und geworfene Bälle fangen kann er auch. Die Ingenieure Klaus Landzettel und Detlef Reintsema vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben ihn mitgebracht. Ein zweites Exemplar sitzt außen auf der ISS und umkreist mit der Raumstation seit Anfang 2005 die Erde. Beim DLR in Bayern steht der zugehörige Steuerknüppel; drei Mal am Tag kann eine Funkverbindung ins All aufgebaut werden. Sie staunen selbst, dass der Roboter noch funktioniert: Im All brennen Bauelemente leicht durch, weil Lüfter keine Luft zum Kühlen haben. Strahlung greift die Elektronik an. Schmieröl verdampft. Aber der Roboter arbeitet so gut, dass er ab 2009 als Weltraum-Service angeboten werden soll: eine Art intergalaktischer ADAC, der kaputte Satelliten reparieren oder abschleppen kann. Seine Väter erklären das so spannend, dass eine Stunde wie im Flug vergeht. Sie finden, dass sie den Leuten das schuldig sind, weil die acht Millionen Euro für den Roboter auch aus Steuergeldern stammen. Und sie freuen sich aufs Publikum, das ab Freitag zur ILA darf.

Mitten in der Raumfahrthalle leuchtet rot ein Mars-Rondell. Am Marsrover vorbei gelangt der Gast zum Navigationssystem Galileo, das mit dem amerikanischen GPS konkurrieren soll. Im Animationsfilm weisen die Satelliten aus dem All den Weg durch eine nächtliche Stadt. Eine Nische weiter laufen Wolkenbilder ein.

Ein gewaltiges Rauschen verheißt Großes. Man eilt hinaus, blinzelt ins Tageslicht – und sieht gerade den A380 abheben. Direkt vor dem Absperrgitter ist er gestartet, jetzt zieht er in weichen Schleifen am Publikum vorüber. Erstaunlich leise, faszinierend sanft. Es ist gar nicht der Wind, der eine Gänsehaut auf Arme und Nacken legt, es ist der Anblick.

Während der weiße Riese wieder landet, schrappt ein Hubschrauber in die Höhe. Ein Kampfjet rollt heran und schießt mit glühendem Schweif davon, während sein Startgeräusch den Besuchern die Ohren durchbläst. Hier draußen schauen jetzt alle nach oben: Menschen in großflächig dekorierten Uniformen. Männer in einteiligen Monteursanzügen und einer, in dessen Sonnenbrillenbügeln ein MP3-Player samt Kopfhörern sitzt. Gibt’s bei Miles&More, erzählt er.

Ein paar Chinesen fotografieren sich vor einem Eurofighter, dessen Waffen die Wiese davor dekorieren. Die Bomben heißen Taurus, Storm Shadow und Meteor. Es gibt viele solche Sachen auf der ILA. Dinge, die man nicht mögen muss. Aber es gibt auch Jobangebote hier. Es gibt den schmucklosen Stand der Gewerkschaft Verdi mit einem sozialen Forderungskatalog zum neuen Großflughafen. Vor allem aber gibt es ein ganz großes Fest für das Kind im Manne.

ILA-Publikumstage: Fr-So 10-18 Uhr, Eintritt: 16 (ermäßigt: 10) Euro. Infos und Flugtermine online: www.ila-berlin.de

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