Berlin : Worte allein reichen nicht

Konferenz über Probleme türkischer Jugendlicher

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„Aber es ging doch um meine Ehre“ – diesen Satz hört Ahmet Toprak häufig von türkischstämmigen Jugendlichen. Und deshalb würden sie auch oft zuschlagen. In solchen Momenten fragt der Münchner Pädagoge, der Anti-Aggressions-Trainings leitet, die Jugendlichen, was das denn eigentlich sei, ihre Ehre. „Meist bekomme ich keine Antwort“, sagt der türkischstämmige Deutsche. „Das wissen sie nämlich gar nicht.“ Und dann legt er los, sagt ihnen zum Beispiel, dass es drei Ehrbegriffe gäbe und einer von ihnen, seref, all jenen vorbehalten sei, die hilfsbereit und höflich seien. „Die Jungs haben ein Riesenproblem“, sagt Toprak. „Keiner erklärt ihnen noch was.“

Auf der Konferenz „Chancen gleich?!“, die gestern im Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung in Berlin stattfand, plädierte Toprak deshalb dafür, dass sich deutsche Pädagogen mehr mit der türkischen Lebenswelt auseinandersetzen. „Interkulturelle Kompetenz“ heißt das Schlüsselwort für ihn: Mit diesen Jugendlichen mache Bildungsarbeit nur Sinn, wenn man ihre traditionellen Werte einbeziehe – und gebenenfalls auch geraderücke.

Nur Worte allein mag Toprak allerdings nicht – er will auch Taten und fordert eine, wie er es formuliert, „konfrontative Pädagogik“. Das heißt: Klare Grenzen setzen, Überschreitungen konsequent ahnden, die Jugendlichen nicht als Opfer ihrer Umgebung, sondern als Akteure ihres eigenen Tuns behandeln.

Dass diese Grenze zwischen Eigenverantwortung und Fremdverschuldung so einfach nicht zu ziehen ist, zeigte Sonja Bandorski in ihrem anschließenden Vortrag: So bleiben selbst unter den türkischstämmigen Abiturienten 29 Prozent ohne beruflichen Abschluss, bei den deutschen sind es dagegen nur 15 Prozent. Und schon jagen sie durch den Raum, die deutschen Lieblingswörter – „traditionelle Geschlechtsrollenfixierung“ und „Zukunftsunsicherheit“. Bis es mit einem Mal im Lautsprecher knackt: Der Muezzin der Moschee unten im Haus beginnt zu singen und alle sind still. rik

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