Berlin : Wowereit hat dazugelernt

Der Regierende besuchte Kreuzberger Schulen – die falschen, findet der Bezirksbürgermeister

Sabine Beikler

Es waren nur wenige Sätze, doch nach den Worten des Regierenden Bürgermeisters schlugen Anfang Dezember die Emotionen hoch. In einer Fernsehsendung gefragt, ob er seine Kinder in Stadtteilen wie Kreuzberg zur Schule schicken würde, antwortete Klaus Wowereit mit „Nein“ und ergänzte: „Ich kann auch jeden verstehen, der sagt, dass er da seine Kinder nicht hinschickt.“ Heute würde er auf diese Frage mit einem klaren „Ja“ antworten, sagte Wowereit am Donnerstag nach einem von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) organisierten Besuch an drei Kreuzberger Schulen. Diesen Sinneswandel hatte ihm die GEW mit der Schulauswahl auch leicht gemacht – sehr zum Ärger von Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne), der ihm gern „Schulen mit Problemen und keine Vorzeigeschulen“ gezeigt hätte.

Um 9 Uhr morgens wurde Wowereit von einer Schüler-Trommelgruppe im Kunstsaal der Lina-Morgenstern-Oberschule in der Gneisenaustraße begrüßt. Jungen und Mädchen hielten Schilder mit der Aufschrift „Wir haben Ziele. Geben Sie uns Zukunft. Wir sind die Kreuzberger. Und das ist gut so“ hoch. An der Kreuzberger Gesamtschule stammen über 50 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutierte Wowereit mit Lehrern, Elternvertretern und Schülern. Da sei „viel Blabla“ dabei gewesen, fand die 15-jährige Ruby Commey. Es sei „sehr positiv, dass Wowereit sich Zeit genommen hatte“, sagte Karin Meschkowski. Die 65-Jährige arbeitet ehrenamtlich als „Senior Partner“, um Konflikte an der Schule zu schlichten.

Wowereits zweite Station war die Leibniz-Oberschule in der Schleiermacherstraße, ein Gymnasium mit einem Migrationsansteil von 28 Prozent. Irgendwie erinnere ihn dessen Besuch an eine „Show-Veranstaltung“, sagte der 18-jährige Leon Kunz aus der zwölften Klasse nach der Diskussionsrunde. Wowereit habe „gut zugehört, aber keine Zusagen gemacht“, so der 17-jährige Simon Brost.

Nach einem Unterrichtsbesuch in der Charlotte-Salomon-Grundschule in der Großbeerenstraße sagte Wowereit, er könne nicht versprechen, die Klassenfrequenz zu senken oder die Pflichtstundenzahl für Lehrer zu reduzieren. Zunächst gehe es um eine „verbesserte Vertretungssituation“: Jede Schule erhält künftig Honorarmittel, um in eigener Regie Vertretungslehrer einzustellen. Im Übrigen sei er sicher, dass Bildungssenator Jürgen Zöllner eine „hohe Sensibilität“ für Bildungsfragen habe.

An Zöllner will sich jetzt auch der Bezirk wenden. „Wir haben Schulen mit 100 Prozent Migrantenanteil“, sagte Bürgermeister Schulz . Warum die GEW Wowereit nicht gemeinsam mit dem Bezirk eingeladen hatte, sei „unverständlich“. Die GEW-Vorsitzende Rose-Marie Seggelke sagte, man habe keinen „Riesen-Tross“ mitnehmen wollen. „Außerdem wollten wir zeigen, wie gut die Qualität an Kreuzberger Schulen ist.“

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