Wowereit in Steglitz : Schnappschuss in der Schlossstraße

Auf seiner Tour durch die Bezirke besucht der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit den bürgerlichen Südwesten und kämpft um Wählerstimmen.

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Fürs Familienabum. Der Regierende ist geübt im Posieren – auch wenn es nur für einen Schnappschuss ist. im Foto: Davids
Fürs Familienabum. Der Regierende ist geübt im Posieren – auch wenn es nur für einen Schnappschuss ist. im Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Lange hatte sich Klaus Wowereit von der Berliner Landespolitik irgendwie abgewandt. Rot-Rot lief zwar ohne lautes Getöse, doch klare Aussagen über die Ausrichtung der Regierungspolitik fehlten – bis sich die Stimmung in der Stadt deutlich gegen die Senatspolitik wendete. Der historische Tiefpunkt war das desaströse Bundestags-Wahlergebnis für die SPD im vergangenen Jahr mit dem Absturz auf 20,2 Prozent in Berlin. Im kommenden Jahr sind Abgeordnetenhauswahlen – und der Regierende Bürgermeister hat offenbar seinen Sinn des Regierens wiedergefunden. Er tritt in Erscheinung und kämpft auf seinen Kieztouren um Wählerstimmen – wie am Mittwoch in Steglitz-Zehlendorf: der Bezirk im bürgerlichen Südwesten, in dem die Grünen kontinuierlich zulegten und wo sie mit dem Bundestagswahlergebnis von 19,3 Prozent die SPD schon fast eingeholt haben.

Wowereit, leger gekleidet mit Anzug, weißem Hemd und ohne Schlips, startet seinen Rundgang auf der Schlossstraße, die er als „alter Lichtenrader“ gut als Einkaufsstraße kenne. Im Forum Steglitz spricht er mit Gewerbetreibenden wie Mario Russillo, der seit 30 Jahren ein Eiscafé betreibt. Wie das Geschäft laufe, will Wowereit wissen. Der Eisverkäufer ist freundlich und spricht von einem „heißen Sommer“. Ohne Wowereit sagt er, dass er mit seinem Geschäft „nicht ganz zufrieden ist“. Er sei aber zuversichtlich, dass mehr Kunden kämen. Wowereit besucht noch schnell im Untergeschoss das in vierter Generation geführte „Fischgeschäft Nickel“. Ein höflicher Verkäufer, der Zuversicht ausstrahlen will, zuckt mit den Schultern, als es um die Frage der geschäftlichen Perspektiven geht.

Das Problem der 1,4 Kilometer langen Schlossstraße ist offensichtlich: Die Straße ist allmählich gesättigt mit Geschäften und Verkaufsflächen: insgesamt rund 140 000 Quadratmeter. Nur ein paar Meter weiter vom „Forum Steglitz wird im kommenden Jahr der „Boulevard Berlin“ eröffnen – das 61. Center der Stadt und das vierte in der Schlossstraße.

Wowereit sagt, dass viele dezentrale Zentren ein „schwieriges Unterfangen“ seien. Doch man könne solche Einkaufsstraßen mit „unternehmerischem Esprit wiederbeleben. Die Schlossstraße muss kräftig werden.“ Das haben die Gewerbetreibenden schon erkannt und eine Schlossstraßen-Genossenschaft gegründet, die unter anderem Strategien gegen den Konkurrenzdruck umsetzen soll. Rainer Beckmann, Centermanager des Forum Steglitz, äußert Kritik am Senat: „Im Senat könnte man mehr machen, um die Handelsvielfalt zu stärken.“ Beckmann spricht konkret SPD-Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer an. Wowereit hört sich die Kritik an und entgegnet, dass staatliche Rahmenbedingungen nur schwer greifen würden.

Auf der Straße plaudert Wowereit mit Passanten, die sich freuen, ihn zu sehen, fragt Bauarbeiter, wie schwer die Platten seien, die sie verlegen und stellt sich am „Bierpinsel“ neben einen rosa Bären, den die Graffitikünstler Holger Stumpf und Jakob Bardou als „Kontrast gegen die Urbanisierung“ auf die Fassade sprühten. 2006 übernahm Larissa Laternser den Mitte der siebziger Jahre eröffneten Turm. Sie erzählt, dass darin im Herbst ein „Gastronomiebetrieb“ öffnen werde.

Am unteren Ende der Schlossstraße nähert sich Wowereit einem „Problemchen im Bezirk“, wie der CDU-Bezirksbürgermeister Norbert Kopp den Ärger mit jungen Erwachsenen am Hermann-Ehlers-Platz beschreibt. Wenn es dunkel wird in Steglitz, belagern junge Leute den Verkehrsknotenpunkt in Steglitz. Sie pöbeln Passanten an, zweimal wurden Polizisten von bis zu 50 Menschen aggressiv bedrängt. Wowereit lässt sich von Uwe Berndt, dem zuständigen Abschnittsleiter bei der Polizei, die Situation erklären. Der erzählt, dass der Platz ein Treffpunkt für viele junge Erwachsene sei, die aus anderen Bezirken hierher fahren würden. Es bringe nichts, sie zu verdrängen, deshalb setze die Polizei auf Ansprache. Wowereit hört zu und fragt: „Aber die Spiegelwand wird in Ruhe gelassen?“ Der Polizeibeamte nickt, und der Regierende läuft schon weiter zu der Spiegelwand, wo er Namen von deportierten Steglitzer Juden liest. Sie ist frisch gereinigt, erst am Vortag war darauf eine rechtsextremistische Parole entdeckt worden.

Für das „Problemchen“ mit den jungen Leuten hat Wowereit auch keine Lösung parat. Da ist es schon angenehmer, über das Schlossparktheater und das von Intendant Didi Hallervorden angebotene „hervorragende Kulturangebot“ zu parlieren.

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