Berlin : Wowereit: „Kirche sollte Anwältin der Homosexuellen sein“

Der Regierende Bürgermeister nahm am Evangelischen Kirchentag an Veranstaltung zu lesbischen und schwulen Lebensformen teil

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Foto: dapd

Schwule Pfarrer? Gab es nicht. Nicht in der nordelbischen Landeskirche, nicht in der hessischen-nassauischen und auch nicht in der bayerischen oder rheinischen Kirche. Natürlich gab es sie, aber sie wurden ignoriert, erzählen Pfarrer, die in den 70er und 80er Jahren evangelische Theologie studierten. Mit Homosexualität hatte die evangelische Kirche bis weit in die 80er Jahre hinein genauso ihre Probleme wie die katholische Kirche auch.

Es ist Samstagnachmittag, Kirchentag, der Festsaal im Kulturpalast ist gut gefüllt. „Lesbische und schwule Lebensformen und Kirchen“ ist das Thema. Maria Jepsen, bis vor einem Jahr Hamburger Bischöfin, erzählt, wie sie in den 70er Jahren vom Kirchenamt beauftragt wurde, eine Pfarrerin auszuspionieren, um herauszufinden, ob sie lesbisch ist. Ein schwuler Pfarrer klagt, dass er heute zwar mit seinem Partner zum Abendmahl gehen dürfe, aber seine Partnerschaft nicht den Segen der Kirche erhalte. Kirchlich zu heiraten, ist für schwule Pärchen nicht möglich. Als vor einem halben Jahr die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland erlaubte, dass homosexuelle Pfarrer mit ihrem Partner im Pfarrhaus zusammenleben dürfen, protestierte eine Gruppe von Alt-Bischöfen öffentlich dagegen. An diesem Nachmittag in Dresden begründet eine Theologin schließlich, wie man Homosexualität kirchlich rechtfertigen kann.

In der ersten Reihe des Kulturpalastes sitzt Klaus Wowereit. Die Veranstaltung ist mit seinem Ausspruch „…und das ist auch gut so“ überschrieben, mit dem er vor zehn Jahren sein Schwulsein bekannte. Die Diskussion hat um 15 Uhr begonnen, jetzt ist es 17 Uhr, im Saal ist es heiß. Klaus Wowereit wird hier nicht primär als Regierender Bürgermeister von Berlin wahrgenommen, als berühmte Persönlichkeit, die als erste ans Rednerpult darf. Es ist eher wie in einer großen Familie, Wowereit ist ein Homosexueller unter vielen.

Er schlägt das eine Bein über, dann das andere und hört geduldig zu. Um zehn nach fünf darf er dann endlich die Bühne betreten. „Es irritiert mich, was ich hier gehört habe“, sagt Wowereit, „ich dachte, dass die evangelische Kirche weiter ist“. Ob man Homosexuelle akzeptiere, sei keine Frage der Theologie, sondern der Menschlichkeit. „Die evangelische Kirche ist so oft der Motor von Fortschritt und die Anwältin der Ausgegrenzten“, sagt Wowereit. „Da sollte sie doch auch bei diesem Thema Motor sein und nicht Bremsklotz.“ Wowereit ist Katholik. Wohl auch mit Blick auf seine eigene Kirche prophezeit er: „Wenn die Kirche die Menschen nicht so akzeptiert, wie sie sind, wenn sie weiter Unterschiede macht, wird sie erhebliche Schwierigkeiten bekommen“. Es sei noch ein „langer Prozess“, bis Homosexualität als etwas ganz Normales angesehen werde, auch für die gesamte Gesellschaft. In der Großstadt Berlin interessiere die sexuelle Orientierung nicht so sehr, aber auf dem Land sei das noch ganz anders. Und selbst in Berlin gebe es in Teilen der evangelischen Kirche Vorbehalte gegen Homosexuelle. So habe er nicht damit gerechnet, dass es über einen Gottesdienst zum Christopher Street Day in der Marienkirche Diskussionen gebe. Der Christopher Street Day findet in diesem Jahr am 25. Juni statt, am Vortag ist dazu ein Gottesdienst geplant. „Und welcher andere Ministerpräsident wird in Interviews nach seiner Sexualität gefragt?“, sagt Wowereit, „ich soll mich ständig dazu äußern.“ Er sei gespannt, welche Rolle das Thema in den Artikel spiele, die in den nächsten Monaten vor der Wahl über ihn geschrieben werden. Claudia Keller

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