Wriezener Bahnhof : Ein Garten Kunterbunt entsteht

Auf dem Gelände des ehemaligen Wriezener Bahnhofs in Friedrichshain entsteht in den nächsten drei Jahren ein öffentlicher Park - von Bürgern für Bürger. Hier werden keine Wege mit dem Lineal gezogen, und auch Unkraut bekommt seinen Platz.

Claudia Stäuble
Wriezener Freiraum-Labor
Das Wriezener Freiraum-Labor an der Warschauer Brücke in Friedrichshain. -Foto: Uwe Steinert

Dieser Park ist anders, das sieht Nora sofort. „Er muss doch eigentlich viereckig sein“, sagt die Zehnjährige bei ihrem ersten Besuch im „Wriezener Freiraum Labor“ in Friedrichshain. Aber hier gibt es keine geraden Wege, keine Rosenbeete und Verbotsschilder. Stattdessen wachsen auf dem zweieinhalb Hektar großen Areal Gräser, Goldrute und Königskerze bis zur Hüfte, um die Füße der Besucher ranken sich Brombeerbüsche.

Auf dem Gelände des ehemaligen Wriezener Bahnhofs entsteht entlang der Helsingforser Straße in den nächsten drei Jahren ein öffentlicher Park – von Bürgern für Bürger. Statt um gewohnte Standards geht es den Initiatoren darum, dass einerseits die Besonderheit dieses Stadtbiotops erhalten bleibt und andererseits die Besucher auf ihre Rechnung kommen. „Anwohner, Schüler, Initiativen und lokale Unternehmen arbeiten hier zusammen, um viele Nutzungsmöglichkeiten und einen für Menschen jeden Alters offenen Freiraum zu schaffen“, sagt Projektkoordinatorin Ines-Ulrike Rudolph. Dabei solle viel von der „wilden Struktur“ des Areals erhalten werden. „Was für Laien wie Unkraut aussieht, sind zum Teil geschützte Wildkräuter“, sagt die 40-jährige Architektin.

Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung stellt für das Modellvorhaben 450 000 Euro zur Verfügung. Davon fließen 150 000 Euro in den Wiederaufbau des alten Lokschuppens, der zu einem „Mehr-Generationen-Treff“ werden soll. „Wir suchen noch Nutzer, die gemeinsam mit uns Konzepte zur Gestaltung und Bewirtschaftung entwickeln“, sagt Rudolph. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat auch Gefallen an der Idee gefunden: Es unterstützt das Projekt mit 300 000 Euro. Für eine neue Treppe, die den Kiez Warschauer Straße mit dem Park verbinden und auch als Tribüne dienen soll, muss allerdings noch ein Sponsor gefunden werden.

Was nur wie ein verwildertes Stück Grund aussieht, ist für die Architektin eine Art grünes Juwel. „Das Gebiet ist wegen seiner Verschiedenartigkeit so spannend“, sagt Rudolph. Der Park liege in „zweiter Reihe“ des Spreeraums zwischen Gewerbegebiet und dicht besiedeltem Wohngebiet. Friedrichshain habe eine Tradition von freien Gartenprojekten, das „Wriezener Freiraum Labor“ sei eines der größten. Geplant sind dort ein Kinderspielplatz, ein großer Sportparcours und eine Liegewiese. Außerdem soll es im ganzen Park einen drahtlosen Internetzugang geben, so dass im Grünen mit dem Laptop gearbeitet werden kann.

Bereits zu besichtigen ist das „Fukuoka-Demofeld“. Die so genannte Nichts-tun-Landwirtschaft des japanischen Philosophen ist eine Methode des natürlichen Landbaus. Wer genau hinsieht, erkennt zwischen den Wildpflanzen mit Sägespänen markierte Stellen, an denen Tomaten sprießen. Sie sollen weitgehend sich selbst überlassen bleiben, nur gegossen wird anfangs regelmäßig. Für das Lernen im „Grünen Klassenzimmer“ des benachbarten Dathe-Gymnasiums hängt schon eine Tafel an der Parkmauer. Zersägte Baumstämme dienen als Hocker. Außerdem will das Gymnasium noch einen Schulgarten anlegen.

Es gibt schon viele Ideen – und noch jede Menge Platz für mehr. „Ein Anwohner will das Projekt zum Beispiel fotografisch dokumentieren“, erzählt Rudolph. Eine Geografin bietet Führungen zur wilden Pflanzenwelt an. Wer sich engagieren will, ist im Labor willkommen. Im Jahr 2009 soll der Park fertig sein und einen neuen Namen tragen. Über den entscheiden – natürlich – die Anwohner.

Das „Wriezener Freiraum Labor“ ist donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Das nächste Treffen für Interessierte, die sich über das Projekt informieren oder daran beteiligen wollen, findet am 20. September um 19 Uhr statt. Tel-Kontakt: 0172 / 49 45 035. www.freiraumlabor.org

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