Wünsdorf in Brandenburg : Wo die Deutschen zum Dschihad aufriefen

In Wünsdorf haben Forscher Reste der ersten Moschee Deutschlands ausgegraben. Sie stand früher in einem Gefangenenlager.

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Archäologen legen in Wünsdorf (Brandenburg) den Bodens rund um den Moscheebau frei.
Archäologen legen in Wünsdorf (Brandenburg) den Bodens rund um den Moscheebau frei.Foto: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landemuseum/Prof. Dr. Susan Pollock, Freie Universität Berlin

Der Laie könnte die Ausbeute archäologischer Suche nach Hinweisen auf die erste Moschee auf deutschem Boden vielleicht etwas bescheiden finden: Ein paar Bretter, ein Dutzend Eisenverspannungen und ein paar Scherben grünen Glases. Der Chef der Grabungsfirma Torsten Dressler hält diese Bilanz nach den fast vierwöchigen Arbeiten, an denen sich auch Studenten der Freien Universität Berlin beteiligt hatten, aber für einen „großen Erfolg“.

Man müsse sich nur mal vor Augen führen, welche großen Veränderungen hier inmitten der einst verbotenen Militärstadt Wünsdorf seit der Eröffnung des großen Ensembles mit dem 25 Meter hohen Minarett, Kuppel, Badehaus und einem Raum für die rituelle Reinigung des Leichnams im Jahre 1915 passiert seien. „Wir hätten nie gedacht, dass wir hier noch so viele Zeugnisse in der Erde finden würden“, sagt er und hält die offene Grube mit den vielen gesetzten Markierungen für die Fundstellen im Foto fest.

Erstaufnahmestelle entsteht an dem Ort

Schon bald wird von ihr nichts mehr zu erkennen sein. Bagger schütten alles wieder zu. Dann können hier, rund 50 Kilometer entfernt von Berlin, in der Nachbarschaft eines Bürogebäudes mehrere Container für eine weitere Brandenburger Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge errichtet werden.

Nur durch diese Pläne hat Torsten Dressler überhaupt den Auftrag für seine Grabungen erhalten. Sonst hätte sich niemand diesen Aufwand leisten können, um nach Spuren der ersten Moschee zu suchen. So aber schließt sich sogar der Kreis, der 1915 und damit zu Beginn des Ersten Weltkriegs hier begonnen hatte.

Damals waren im Halbmondlager rund 4000 Kriegsgefangene überwiegend muslimischen Glaubens aus den Kolonien Großbritanniens und Frankreichs interniert worden. Neben Nord- und Westafrikanern saßen dort muslimische Inder, aber auch Hindus und Sikhs.

Das Ziel: Kriegsgegner schwächen

Im benachbarten Weinberglager in Zossen saßen sogar 12 000 Gefangene. Auch wenn die Menschen, die künftig nach Wünsdorf kommen, zum großen Teil aus muslimischen Ländern stammen, hat die historische Vergangenheit keine Rolle bei der Wahl des Ortes gespielt.

Der Grabungsleiter Torsten Dressler.
Der Grabungsleiter Torsten Dressler.Foto: Claus-Dieter Steyer

Das deutsche Kaiserreich verfolgte vor gut hundert Jahren ganz andere Ziele in Wünsdorf: Die Gefangenen sollten sich in einem Heiligen Krieg, also dem Dschihad, gegen ihre Kolonialmächte erheben und damit England, Frankreich und andere Kriegsgegner wie Russland schwächen.

Diesem Ziel diente auch der Bau der Moschee innerhalb weniger Monate, wie in dem Garnisonsmuseum in der Wünsdorfer Bücherstadt zu erfahren ist. Dort werden auch Schnitzereien und ein Stuhl mit orientalischen Elementen aus dem Gefangenenlager aufbewahrt.

Genutzt hat der ganze Aufwand nicht

Ausreichende Verpflegung und gute Bekleidung sowie die Achtung des Ramadan gehörten zu den Privilegien, mit denen die muslimischen Soldaten zum Überlaufen bewegt werden sollten. Dazu kamen Vorträge islamischer Gelehrter. Die Wünsdorfer Moschee wurde von der Propaganda außerdem als ein Musterbau gelobt, dem noch viele weitere in Deutschland hätten folgen sollen.

Doch viel genutzt hat der ganze Aufwand nicht. Schätzungsweise nur etwas mehr als ein Viertel der Soldaten liefen tatsächlich ins andere Lager über. Mit dem Kriegsende erlosch das Interesse in Deutschland am Islam. Die Wünsdorfer Moschee geriet zwar nicht so schnell in Vergessenheit, reisten doch ab und zu einige Muslime in den Ort. Doch spätestens 1925 war die in großer Eile zusammengezimmerte Konstruktion so morsch, dass sie abgerissen wurde.

„Für uns Archäologen folgen dann zwei entscheidende Abschnitte“, sagt Grabungschef Torsten Dressler. „Die Wehrmacht baute auf dem Fundament der Moschee in der Mitte der 1930er Jahre eine Panzerhalle, die auch von den sowjetischen Truppen ab 1945 genutzt wurde.“

Fundstücke gehen an Landesamt für Denkmalschutz

1997 sei diese Halle dann beseitigt worden, sodass im Boden bis auf eine kleine Tafel des Garnisonvereins nichts auf die Existenz einer Moschee an dieser Stelle erinnerte. Erst viel später wiesen eine Informationstafel und eine „Moscheestraße“ auf diese Besonderheit hin.

Außerdem fanden viele der in beiden Gefangenenlagern zwischen 1915 und 1918 gestorbenen Soldaten ihre letzte Ruhe in der zwei Kilometer entfernten Kriegsgräberstätte. Darunter sind 227 Inder, die in Frankreich und Belgien in deutsche Gefangenschaft gefallen waren.

Deutsches Kommando unterstützte Dschihad
Die Zitadelle in Aleppo, Dezember 1915. In Aleppo sammelte Klein seine Expeditionsmitglieder, um nach Mesopotamien aufzubrechen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 40Foto: Nachlass Fritz Klein, Privatbesitz/Preußen-Museum NRW, Wesel
07.12.2014 13:01Die Zitadelle in Aleppo, Dezember 1915. In Aleppo sammelte Klein seine Expeditionsmitglieder, um nach Mesopotamien aufzubrechen.

Die jetzt bei den Ausgrabungen entdeckten Fundstücke – Verspannungsdrähte und Eisenbolzen der Holzkuppel sowie Glasscherben der Moschee-Fenster – gehen an das Landesamt für Denkmalschutz. Schon in Kürze könnten sie damit der Öffentlichkeit gezeigt werden.

Das Garnisonsmuseum Wünsdorf an der B 96 ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Täglich außer montags findet um 14 Uhr eine Führung durch die Bunkeranlagen Maybach I und Zeppelin (ehemaliger Generalstabs- und Nachrichtenbunker des Oberkommandos der Wehrmacht) statt, am Wochenende zusätzlich um 12 und 16 Uhr. Mehr Informationen unter www.garnisonsmuseum-wuensdorf.de, www.buecherstadt.com. Einen historischen Hintergrund zur Dschihad-Strategie im Deutschen Kaiserreich bietet der Nahost-Blog Alsharq unter diesem Link.

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