Berlin : Würde der Schwachen

Nadja Klinger und Jens König lasen aus ihrem Buch über Armutsschicksale in Deutschland.

Daniela Martens
Salon
Nadja Klinger und Jens König im Tagesspiegel-Salon -Foto: David Heerde

Familie Junkermann verlässt selten das Haus. Alles, was außerhalb ihrer Wohnung stattfindet, ist zu teuer. Das gilt sogar für den Einkauf. In ihrem Kühlschrank finden die Junkermanns manchmal nur „Licht und ein Echo“. So heißt das Kapitel über die dreiköpfige Familie aus dem Buch „Einfach abgehängt – Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland“ (Rowohlt Berlin, 255 Seiten, 14,90 Euro) von Nadja Klinger und Jens König.

An diesem Novemberabend haben die Tagesspiegel-Autorin und der „Taz“- Journalist die Dortmunder Familie Junkermann mit nach Berlin in den Grünen Salon der Volksbühne gebracht, um sie Tagesspiegel-Lesern vorzustellen: Drei der vielen Armutsschicksale in Deutschland. 11 Millionen Deutsche gelten laut Statistik als arm. Die beiden Journalisten haben die Familie allerdings nicht persönlich mitgebracht, sondern in Form des Porträts, das Nadja Klinger vorliest. In dem Bericht geht es um Schulden, Briefe, Formulare, Fristen, Mahnungen, Zinsen, Strafen. Und um den Versuch einer Mutter und eines Vaters, ihrer Tochter ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Die Mutter, Anna Junkermann, „zerbrach daran, Sarah nicht einmal einen Joghurt kaufen zu können“, liest Nadja Klinger.

Sie wollten mit ihrem Buch dafür eintreten, dass den Schwachen in Deutschland endlich die gleiche Würde zugestanden werde wie den Starken, sagt Jens König. Doch: „Es ist fast unmöglich in diesem reichen Land, über Armut zu reden.“ Die meisten würden das Problem sofort relativieren und auf die Armut in Afrika hinweisen. „Wir glauben einfach nicht daran, dass es auch in Deutschland Armut gibt.“ Arm sei, wer nicht an einem normalen Leben teilhaben könne. In Berlin sei es noch leichter, über das Problem zu sprechen als beispielsweise in Stuttgart, sagt König. Auf dem Weg zu einer Lesung sei er dort mit einem Taxifahrer über das Buch ins Gespräch gekommen: Der habe gesagt: „Arme gibt’s hier nicht. Arme fahren hier einen Daimler.“

„Die Stärke des Buches ist, dass es den Blick geöffnet hat“, sagt Tagesspiegel-Redakteur Ralf Schönball, der die Veranstaltung moderierte. Zwölf Porträts haben die beiden geschrieben, über Menschen ohne Schulabschluss, alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern, Hartz-IV- Empfänger, aber auch über einen erfolgreichen Akademiker, der bei einer Investition übervorteilt wurde und nun von seinem Gehalt weiniger übrig behält als ein Hartz-IV-Empfänger. „All diese Menschen verbindet, dass keiner von ihnen sich beklagte und das Wort Armut in den Mund nahm“, sagt Nadja Klinger. Trotzdem sind es „doch alles Gewinnergeschichten“. Sie hätten jedoch mit Absicht besonders schwere Schicksalsschläge und Tränen aus den Geschichten herausgelassen. „Wir wollten nicht zu dick auftragen.“

Es sei wichtig, die Gesellschaft für das Thema Armut zu sensibilisieren, sagte nach der Lesung die Lichtenberger Zahnärztin Kirsten Falk. Sie behandelt Obdachlose in einer Praxis am Ostbahnhof kostenlos. Nadja Klinger und Jens König haben ihrer Arbeit ein Kapitel in ihrem Buch gewidmet. Und die Tagesspiegel-Leser halfen auch dabei: Ein Teil des Eintrittsgeldes geht als Spende an die Obdachlosenpraxis. „Dass es in Afrika schlimmer ist mit der Armut, heißt noch lange nicht, dass wir bei uns nicht hinzugucken brauchen“, sagt Kirsten Falk. „Man muss auch dann den eigenen Haushalt sauber machen, wenn es bei anderen dreckiger ist.“Daniela Martens

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