Berlin : Wüste Worte, Handgreiflichkeiten – und viel Arbeit für Anwälte

Die Jüdische Gemeinde ist zerstritten, vor allem wegen persönlicher Abneigungen. Jetzt hat der Vorsitzende das Handtuch geworfen

Claudia Keller

Der Sitzungssaal war überfüllt. Es hatte sich herumgesprochen, dass bei der Parlamentsversammlung der Jüdischen Gemeinde gestern etwas passieren werde. Kurz nach 17 Uhr war es so weit: Albert Meyer, seit zwei Jahren Vorsitzender der Gemeinde, erklärte seinen Rücktritt. „Eine konstruktive Arbeit ist nicht mehr möglich“, sagte er in seiner Rede, die Auseinandersetzungen seien „katastrophal“. „Eine Gruppe von Gemeindevertretern“ würde ihre eigenen Interessen über das Gemeinwohl stellen. Arkadi Schneiderman, sein bisheriger Stellvertreter und Gegner, habe ihn „systematisch demontiert und mit dummen und unhaltbaren Vorwürfen“ überzogen.

Der jüngste Vorwurf: Meyer und Dan Moses sollen mit der Firma Dussmann wettbewerbswidrige Absprachen getroffen haben, worauf Dussmann den Auftrag zur Reinigung der Gemeinderäume bekommen habe. Dan Moses leitet die Berliner Repräsentanz einer israelischen Bank und war bis September Meyers zweiter Stellvertreter. Tatsache ist, dass am Dienstag die Staatsanwaltschaft die Büros der Gemeinde in der Fasanenstraße und Geschäftsräume der Firma Dussmann durchsucht hat. Ein Vorstandsmitglied der Gemeinde hatte Anzeige wegen Untreue gegen Meyer und Moses erstattet, bestätigte Michael Grunwald, der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Keiner von Meyers vier Vorstandskollegen will es gewesen sein. „Es besteht ein Anfangsverdacht“, sagt Grunwald, „das Ergebnis ist völlig offen“. Meyer und Moses bestreiten den Vorwurf.

Mit Meyer trat gestern noch ein weiteres Mitglied aus dem erweiterten Vorstand zurück, der die „Hetze“ und „Demagogie“ von Schneiderman gegen Meyer „nicht mehr ertragen konnte“. Sie habe ihn an die Hetze der Nazis erinnert, sagte Hubert Combé. Julius Schoeps, der die Gemeinde noch vor kurzem mit einer „offenen Psychiatrie“ verglichen hatte, ließ sich gestern zum neuen Parlamentspräsidenten wählen. Er erklärte die Sitzung gegen 18 Uhr „angesichts der Ereignisse“ für geschlossen. Gemeindemitglieder beschimpften Schneiderman beim Rausgehen. Andere wussten nicht, gegen wen sie ihre Empörung eigentlich richten sollen. „Bei dem Chaos fühle ich mich nicht mehr vertreten, egal wer Vorsitzender ist“, sagte ein Frau. Mancher überlegt, ob er nun bei der orthodoxen Gemeinschaft „Chabad Lubawitsch“ mitmachen soll.

Meyers Rücktritt ist der Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die Anfang des Jahres begonnen hat. Im Kern geht es um einen Machtkampf zwischen einer Gruppe russischsprachiger Migranten um den aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Arkadi Schneiderman und alteingesessenen Berlinern um Albert Meyer. Es scheint, als hätten sich Meyers Gegner durchgesetzt. Sein designierter Nachfolger ist der 33-jährige Gideon Joffe, der erst vor einem Monat Hotelbesitzerin Sylva Franke als Parlamentsvorsitzende beerbt hatte und vor einer Woche von Schneiderman in den Gemeindevorstand geholt worden war. Was er inhaltlich anders machen will als Meyer, wollte er gestern nicht sagen.

Um unterschiedliche Konzepte etwa bei den Kulturtagen, geht es bei dem Streit auch gar nicht. Untersuchungsausschüsse, Misstrauensanträge und gerichtliche Auseinandersetzungen drehten sich meistens um den Vorwurf der Verleumdung. Parlamentssitzungen, in denen Mitglieder einander als „Ratten“, „Arschlöcher“, „blöde Puten“ bezeichneten und auch mal handgreiflich wurden, lieferten Stoff für neue Prozesse. Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden, macht sich Sorgen, wie es in Berlin weitergehen soll. „Ich bedaure, die Entscheidung meines Freundes Albert Meyer, kann ihn aber gut verstehen.“

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