Berlin : Wütende Anwohner verhindern Therapieprojekt

Diakonie zieht ihre Pläne für die Unterbringung von sexuell auffälligen Jungen in Heiligensee zurück

Bernd Matthies

Überraschende Wende im Streit um ein neues Wohnprojekt für Jungen im Diakoniezentrum Heiligensee: Nach einer hitzigen Diskussion mit Anwohnern am Dienstagabend beschloss gestern der Vorstand des Trägers, des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks EJF Lazarus, das Projekt mit dem Namen „Male“ an diesem Standort nicht weiter zu verfolgen. Zur Begründung hieß es, man hätte andernfalls die Sicherheit der Jugendlichen nicht gewährleisten können. Es sei untragbar, dass die Betroffenen von der Boulevardpresse vorverurteilt und somit doppelt zu Opfern gemacht worden seien, erklärte der EJF-Vorstandsvorsitzende Siegfried Dreusicke. Boulevardblätter hatten die Jungen, die in eine therapeutische Wohngruppe einziehen sollten, als „Sexkranke“ und gefährliche „Sex-Täter“ bezeichnet. Man nehme die Sorge der Eltern und Anwohner ernst, hieß es, sie beruhe jedoch nicht auf fachlicher Information.

Geplant war eine Unterkunft für acht Jungen ab zwölf Jahren, die Opfer sexuellen Missbrauchs waren und in der Folge in ihrem Umfeld, der Familie oder in Wohngruppen selbst sexuelle Auffälligkeiten zeigten. Keine Straftaten, so betont man beim Träger, sondern Vorfälle, die sozialtherapeutische Betreuung und Aufsicht als notwendig erscheinen lassen. „Wir wollen damit verhindern, dass die Jungen später tatsächlich zum Täter werden“, sagte Ulrike Thiel vom EJF.

„Male“, in der Fachwelt völlig unumstritten und als beispielhaft anerkannt, arbeitet in Lankwitz schon seit 1999 mit solchen Jungen. Doch der Bedarf nach solchen Wohnplätzen steigt, und deshalb hatte das EJF im vergangenen Jahr beschlossen, weitere acht Plätze im Diakoniezentrum Heiligensee einzurichten. Achteinhalb Stellen waren vorgesehen, um die Bewohner rund um die Uhr betreuen zu können. Die Zustimmung der Senatsjugendverwaltung lag vor, das Reinickendorfer Jugendamt war informiert - doch das besänftigte die empörten Eltern und Anwohner, schätzungsweise rund hundert, nicht. Der Tenor der Versammlung war eindeutig: Ja, diese Arbeit ist notwendig und sinnvoll, aber nicht bei uns. Denn: In unmittelbarer Nähe der geplanten Wohngruppe befinden sich zwei Kitas, weitere sieben in der weiteren Umgebung, eine Grundschule ist etwa einen halben, eine weitere etwa einen Kilometer entfernt – die Jungen aus dem Wohnprojekt wären dort voraussichtlich auch eingeschult worden. Für einige der besonders erregten Nachbarn wäre das so, „als wenn man einem Kannibalen ein besonders saftiges Stück Fleisch hinwirft“. Ein Vater sah sich für die „Sozialkontrolle“ der Bewohner „in Geiselhaft genommen“, mehrere Eltern erklärten, sie würden ihre Kinder von den Kitas abmelden. Ein Redner deutete an, dass in der aufgeheizten Stimmung auch die Sicherheit der Jungen im Wohnprojekt gefährdet sein könnte. Offenbar waren es derlei Signale, die das EJF zum Rückzug bewogen. Der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Abteilungsleiter Ewald Möller sagte dem Tagesspiegel gestern, schon die mögliche permanente Anwesenheit von Zeitungsfotografen hätte die Arbeit mit den Jungen unmöglich gemacht.

Nur eine einzige Mutter, gleichzeitig Mitarbeiterin im Diakoniezentrum, wich von diesen Meinungen ab: Sie habe sich diese Entscheidung nicht gewünscht, trage sie aber mit, weil die wichtige Arbeit von „Male“ dort gut weitergeführt werden könne. So sah es auch die zuständige Jugendverwaltung. Ihr Sprecher Jens Stiller sagte, man vertraue auf die Kompetenz des Trägers und sei sicher, dass die wichtige Arbeit im Diakoniezentrum gut aufgehoben sei.

Beim EJF ist man nun offensichtlich etwas ratlos. „Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, einen neuen Standort für die therapeutische Jungenwohngruppe zu finden“, heißt es in der Presseerklärung. (Spendenkonto: EJF-Lazarus gemeinnützige AG, Bank für Sozialwirtschaft Berlin, Konto 20 20, BLZ 100 205 00)

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