Wuhlheide : Missbrauchsfälle: Parkeisenbahn übersieht Warnsignale

Der Missbrauch bei der Parkeisenbahn in der Wuhlheide hatte System. Die Täter nutzten die Vereinsstruktur, um ihre Opfer gefügig zu machen. Einer der Hauptverdächtigen hätte längst schon aus dem Verkehr gezogen werden können.

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Technikidylle. Die Wuhlheide-Bahn ließ es so einfach aussehen, einen richtigen Bahnbetrieb mit Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten.
Technikidylle. Die Wuhlheide-Bahn ließ es so einfach aussehen, einen richtigen Bahnbetrieb mit Kindern und Jugendlichen...Foto: DAVIDS/Hohlfeld

Er durfte mit nach München fahren und nach Sylt, und in Städte, die ihm unbekannt waren und spannend vorkamen. Mehr als 50 Mal fuhr der Junge gemeinsam mit seinem Peiniger durch Deutschland. Mit der Bahn, im ICE. Als Gegenleistung durfte der Mann, ein Angestellter der Deutschen Bahn und ehemaliges Mitglied bei der Parkeisenbahn Wuhlheide, Dinge tun mit dem Jungen. Dinge, die der nicht abzuwenden wusste. N., gegen den die Berliner Staatsanwaltschaft unter anderem wegen schweren Missbrauchs ermittelt, arbeitete mit System. Und es funktionierte.

Das System war auf Belohnungen aufgebaut. Es gab viele Möglichkeiten dafür. Aus den Ermittlungsakten geht hervor, dass der sexuelle Missbrauch bei der Parkeisenbahn nicht nur an versteckten Räumlichkeiten auf dem Gelände der Wuhlheide stattfand, also beispielsweise in einem der fünf Stellwerke, sondern vor allem auf Ferienfahrten und in den privaten Räumlichkeiten der zumeist leitenden Mitarbeiter.

Der Besuch zu Hause war ein besonderes Privileg für die Jungen, sie waren stolz darauf, von ihrem Vorgesetzten, dem Ausbilder und erwachsenen Freund, eingeladen worden zu sein. Ein Opfer schildert es nach den Akten sinngemäß so: Man ist mit dem Vorgesetzten nach Hause gegangen, auf dem Weg hat man auch mal Fotos gemacht zum Beispiel von Straßenbahnen, dann hat man in der Wohnung zusammen mit der Modelleisenbahn gespielt und schließlich, noch während des Spiels, habe der Andere einen an den Genitalien angefasst und sich gewünscht, dass er, der Junge, dies auch bei ihm mache. Manchmal kam es dann zu Oral- oder Analverkehr.

Das harmlose Eisenbahnspiel wurde zum unfreiwillig freiwilligen Missbrauch. Später winkte bei Gefügigkeit ein schnellerer Aufstieg, etwa zum Bahnhofsvorsteher oder zum Lokführer. Und so haben die Jungen meistens die Dinge über sich ergehen lassen und nichts gesagt.

Ein solches Vorgehen von Pädophilen ist nicht neu, es ist die übliche Masche, sagen Experten, die sich mit solchen Fällen auseinandersetzen. Die Anwälte solcher Opfer kennen viele von diesen Geschichten und ähnliche Abläufe. Aber weil eine Anwältin von missbrauchten Jungen über ihre Mandanten nicht reden kann, erzählt sie von einem anderen Fall. Dem eines Jungen, der nichts mit dem Missbrauch bei der Parkeisenbahn zu tun hat. Lange ließ er seinen Peiniger machen, weil er zum einen immer ein bisschen Geld zugesteckt bekam, vor allem aber, weil er sich so viel Pizza wünschen durfte, wie er wollte. Das kannte er von zuhause nicht.

Für die Jungen der Parkeisenbahn, alle zwischen 9 und 18 Jahren, war es die wohl schönste Belohnung, aus dem Alltag ausbrechen zu können. Viele von ihnen kommen aus sozial schwachen oder zerrütteten Familien, wo oft ein Elternteil, meist der Vater, fehlt. Es gab zahlreiche Ausflüge und Ferienfahrten, nach Gütersloh, nach Neukloster ins Emsland, nach Hannover und nach Brandenburg. Auf allen Fahrten kam es zu Übergriffen.

Christian Weitzberg, der in den anstehenden Parkeisenbahn-Prozessen als Nebenkläger für die Opferseite auftreten wird, sagt: „Die Besonderheit dieses Falls liegt darin, dass hier die große Liebe zu der Eisenbahn ausgenutzt wurde, in dem man die vereinsinternen Machtstrukturen als Machtmittel gebraucht hat, um sich die Kinder gefügig zu machen.“

Gegen sieben Personen laufen Ermittlungen, lesen Sie weiter auf Seite 2.

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