Berlin : Wunder gibt es immer wieder

Evangelische Samariter-Kirche in Friedrichshain

G,a Bartels

Spitz sticht der rote Kirchturm in den blauen Himmel. Sechzig Meter hoch ist er und schon bestens von der Frankfurter Allee aus zu sehen. Die evangelische Backsteinkirche auf dem Samariterplatz hat eine stolze Geschichte als Anlaufpunkt politisch engagierter Christen. Im Nationalsozialismus kämpfen hier Anhänger der Bekennenden Kirche gegen die linientreuen Deutschen Christen. In der DDR versammeln sich Friedensbewegte und aufmüpfige Künstler im neugotischen Gemäuer. Und zu den Bluesmessen reisen massenhaft Teenager an.

Die fühlen sich hier offenbar auch jetzt noch ganz wohl. Zwei Mädels und ein Junge der 20-köpfigen Jugendgruppe halten mit Pastorin Susanne Krömer zusammen die Predigt. Es geht um eine von Jesu Wunderheilungen. Er macht einen blinden Bettler sehend. Wunder seien Befreiungsgeschichten, sagt die Pastorin. Und die Teenies meinen, dass das Leben jedes Menschen ein wahres Wunder ist. Und dann denken sie laut darüber nach, dass wenige Leute blind sind, aber die meisten einander trotzdem nicht sehen. Jesus dagegen ermöglicht dem Blinden, endlich seinen eigenen Augen trauen zu können. „Dein Vertrauen hat dir geholfen.“

Kuschelig ist es in der Winterkirche, die in der kalten Jahreszeit den Vorraum einnimmt. Um die 70 Leute füllen die Reihen, darunter viele junge Eltern mit kleinen Kindern. Friedrichshainer Publikum mit Trendfrisur und Knopf im Ohr. Durch die verglaste Tür kann man das kalte Kirchenschiff mit seinen kraftvollen, farbenfrohen Fenstern sehen. Dass an diesem normalen Sonntag nicht nur die Orgel besetzt ist, sondern auch ein fünfköpfiger Bläserchor spielt, ist ein deutliches Lebenszeichen der Gemeinde. Der Herr im T-Shirt, der Waldhorn spielt, liest das wunderbare, aber auf unzähligen Familienfesten abgenudelte hohe Lied der Liebe (1. Korinther 13). Mit den Passagen „unser Wissen ist Stückwerk“ und „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe ..., aber die Liebe ist die Größte unter ihnen“. Das spricht er konzentriert, ohne Leiern, ohne Pathos, mit so viel Hingabe, dass die gebeutelte Bibelstelle in voller Schönheit aufleuchtet.

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