Berlin : Wunsch und Wahrheit im gelobten Land

Tine Lehnertz

Kühnhausen, ein 300-Seelen-Ort in Thüringen, ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was sich Tony, ein 26-jähriger Nigerianer, von Europa erträumt hatte. Statt seine Fähigkeiten endlich in bare Münze umsetzen zu können, findet sich der junge Uni-Absolvent Anfang der 90er Jahre zur Tatenlosigkeit verdammt in einem abgelegenen Asylbewerberheim wieder. Wie tausende andere Flüchtlinge vor und nach ihm beschließt Tony, dem ihm amtlich zugewiesenen Ort den Rücken zu kehren und sein Glück in Berlin zu suchen.

„Illegal in Berlin“, so der Titel des englischsprachigen Romans von Charles Ofoji, klingt über lange Strecken fast so, als habe sich jemand seine eigenen Erlebnisse von der Seele geschrieben. Detailliert werden Erfahrungen mit Ausländerhassern in Thüringen beschrieben. Auch der Hauptschauplatz Berlin ist so akribisch skizziert, als habe Ofoji eine Art Wegweiser für Afrikaner ohne Aufenthaltserlaubnis verfassen wollen: So werden die Leser zu einem Schöneberger China-Restaurant geführt, das regelmäßig Illegale in der Küche beschäftigte. Man erfährt, in welcher Disco am Adenauerplatz Afrikaner deutsche Frauen zum Heiraten kennenlernen konnten. Außerdem bringt uns Ofoji zu einer Wohnanlage in Rudow, in der zahlreiche Afrikaner heimlich untergeschlüpft waren.

Erst die Liebesgeschichte zwischen Tony und der von ihrem russischen Ehemann getrennt lebenden Deutschen Henrietta ist nicht nur ganz klar Fiktion – sie ist auch der schwächere Teil des Buches. Henrietta ist zu schön, zu verständnisvoll, zu gebildet und auch zu reich, um wahr zu sein. Engelsgleich kommt sie aus dem wohlhabenden Zehlendorf in Tonys enge Welt herabgeschwebt, um ihn aus dem Dasein eines Kleinkriminellen, zu dem er sich notgedrungen gewandelt hatte, zu erlösen. Wobei es zum Happy End nicht mehr kommt.

— Charles Ofoji:

„ Illegal in Berlin“, (Englisch), 180 Seiten, Publishamerica, Baltimore, 2005, ISBN: 1-4137-5322-1.

In Deutschland nur über den Internet- Buchhandel erhältlich

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