Wurst mit Beigeschmack : Wie hart die Arbeit mobilen Würstchenverkäufer ist

Mobile Wurstverkäufer sind bei jedem Wetter unterwegs. Bezahlt wird pro verkaufte Wurst – zu wenig, glaubt die zuständige Gewerkschaft.

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Heiß, fettig, anstrengend. Foto: Imago
Heiß, fettig, anstrengend.Foto: Imago

Als ein frischer Windzug über den Alexanderplatz fegt, ist Yanis dann doch einmal froh über seinen aktuellen Job. „Der Grill wärmt mich“, sagt er und lächelt. Es ist ein kühler und zugiger Frühlingstag. Spätestens wenn es wieder richtig warm wird, dürfte er seinen Grill aber eher verfluchen.

Yanis ist mobiler Würstchenverkäufer auf dem Alexanderplatz. Insgesamt hat das Bezirksamt in Mitte 15 Genehmigungen für sogenannte Grillwalker zugelassen, allein auf den Alexanderplatz entfallen zehn. Seit diesem Jahr ist Yanis aus Griechenland einer von ihnen. Tag für Tag, acht Stunden, bei Schnee, Sturm und Sonne schnallt er sich das 25 Kilogramm schwere, tragbare Gestell mit Schirm und Gasflasche um, stellt sich unter die Weltzeituhr und schmeißt den Grill an. Frische Würstchen wärmt er erst an der Seite auf. Wenn ein Platz frei wird, legt er sie rechts auf den Rost. Im Minutentakt werden die Würstchen gewendet und wandern Stück für Stück nach links. Ist eine Wurst ganz links angekommen, verkauft er sie für 1,50 Euro.

„Ich kann selbst nicht glauben, dass ich diesen Job mache“, sagt Yanis. Früher, in Griechenland, habe er mit seinem besten Freund an der Rezeption eines Fünf-Sterne-Hotels gearbeitet. 1200 Euro und eine Mitarbeiterwohnung bekam er dafür. Doch je länger die Staatsschuldenkrise andauerte, desto seltener kam das Geld auf seinem Konto an. Irgendwann kündigte er, packte seinen Rucksack und reiste durch Europa. Als er schließlich nach Berlin kam, war er pleite und wurde bereits von seinem Freund aus der Heimat erwartet – der war inzwischen Würstchenverkäufer. Er empfahl Yanis und so bekam der junge Mann den Job unter der Weltzeituhr.

Das Ordnungsamt kontrolliert

„Sonnabends verkaufe ich manchmal bis zu 800 Würstchen“, sagt Yanis. Sonnabende sind gute Tage, denn er wird pro verkaufte Wurst bezahlt. So kann er schon mal 100 bis 120 Euro verdienen. Unter der Woche, gerade bei schlechtem Wetter, könnten es aber auch mal nur 20 bis 30 Euro sein.

„Das klingt nach klassischer Scheinselbstständigkeit“, sagt Uwe Ledwig, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Berlin und Brandenburg. Die Verkäufer seien auf dem Papier selbstständig angemeldet, aber de facto seien sie von einem Anbieter abhängig, dessen Würste, Brötchen und Senf sie beziehen müssen. „Wenn man pro verkaufte Wurst bezahlt wird und nur 30 Euro am Tag verdient, ist das definitiv ein Verstoß gegen das Mindestlohngesetz“, sagt Ledwig und ärgert sich. „Das ist so augenscheinlich. Eigentlich ist das ein klarer Fall für die Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Zoll.“

Haus der Statistik - Ruine am Alex
Am Alexanderplatz vergammelt ein riesiger Gebäudekomplex - das ehemalige Haus der Statistik. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Ruinenfotos aus Berlin und dem Umland an leserbilder@tagesspiegel.de! Foto: Henning OnkenWeitere Bilder anzeigen
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Kontrolliert werden die Wurstverkäufer vom Ordnungsamt. Allerdings nur „im Rahmen seiner begrenzten personellen Möglichkeiten“, sagt Sprecherin Karin Grunz von der Bezirksbehörde. Das Ordnungsamt überprüft jedoch nicht die Einhaltung des Mindestlohns, sondern die hygienischen Zustände. „Aus lebensmittelrechtlicher Sicht und aus Sicht der Amtsanwaltschaft gibt es nur leichte bis mittlere hygienische Mängel“, sagt Grunz. Verbieten könne man den mobilen Wurstverkauf daher nicht, allerdings wolle man die Zahl der erforderlichen Ausnahmegenehmigungen „demnächst“ überprüfen.

Drei Worte: Bitte, Senf, Ketchup

Uwe Ledwig glaubt nicht, dass sich dadurch etwas ändert. „Die Leute im Hintergrund verdienen damit viel Geld.“ Rund ein Drittel des Verkaufspreises, schätzt der Gewerkschafter, ginge direkt an den Anbieter. Zusätzlich würden sich die Firmen mit windigen Tricks weiter Geld sparen. „Da immer weniger Deutsche so einen Job machen wollen, werden gezielt Süd- und Osteuropäer angeworben, denen man dann auch eine Unterkunft anbietet“, sagt Ledwig. Früher sei das oft kostenlos gewesen, inzwischen müssten die Mitarbeiter dafür bezahlen.

Auch Yanis wohnt in einer Wohnung, die seinem Arbeitgeber gehört und 30 Minuten S-Bahn-Fahrt vom Alexanderplatz entfernt ist. Wie viel er dafür zahlt, will er nicht sagen. Sein Arbeitgeber, die Firma Grillrunner, ist trotz mehrfacher Versuche weder telefonisch noch schriftlich erreichbar. Auch Konkurrenzunternehmen reagieren nicht auf Anfragen.

„Es gibt bessere Jobs“, resümiert Yanis. Die Arbeit fordere ihn nicht, die soziale Anerkennung geht gegen null. „Den Job halte ich schon aus, ich habe ja einen Traum“, sagt Yanis und berichtet von seinem Plan, einen Onlineshop zu eröffnen. Dafür brauche er aber Startkapital und bessere Deutschkenntnisse. Im Moment beschränken die sich bei ihm auf drei Worte: Bitte, Senf, Ketchup.

Richtigstellung: Unter tagesspiegel.de haben wir unter der Überschrift "Wie hart die Arbeit der Grillwalker in Berlin ist" am 9. Mai 2017 berichtet, dass es in Berlin-Mitte 15 Genehmigungen - davon zehn allein für den Alexanderplatz - für "Grillwalker" gäbe und einer der Würstchenverkäufer - Yanis - in eiener Wohnung lebt, die der "Grillwalker"-Firma gehöre. Hierzu stellen wir richtig: Der Inhaber der Marke "Grillwalker", Herr Bertram Rohloff, hat mit diesen Aktivitäten nichts zu tun. Die Angaben beziehen sich auf einen unter einer anderen Bezeichnung agierenden Anbieter von mobilen Wurstbratständen. Wie bitten um Entschuldigung. Die Redaktion

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