Wut über die Würstchenglut : Grillkohle stoppen!

Es ist schön, draußen zu essen, aber warum geht das nur noch mit Rauchsäule? Über den ökologischen Unfug am Grill – und warum wir es lassen sollten.

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Hier kommt die Glut. Das Tempelhofer Feld ist ein beliebter Ort für die ganz heißen Gerichte geworden.
Hier kommt die Glut. Das Tempelhofer Feld ist ein beliebter Ort für die ganz heißen Gerichte geworden.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist zwanghaft. Auf die Frage, was man am Wochenende mal so machen könnte, ist unter den zehn häufigsten Antworten garantiert diese: Lass uns doch grillen. Ich kann es nicht mehr hören. Immer wenn ich erzähle, dass wir einen Garten haben, aber keinen Grill, brennt beim Gegenüber kurzzeitig die Mimiksicherung durch. Wie seid ihr denn drauf?

Grillen ist doch cool, und irgendwie auch total bio, so in der Natur ein Steak bruzzeln, linker Hand die Bierflasche, in der rechten die Grillforke, das Zischen der Glut, wenn das Fett trieft. Reminiszenzen an die Cartwright-Jungs von der Ponderosa-Ranch, Marlboro-Werbung, Cowboy-Romantik. Die letzte Bastion männlicher Selbstvergewisserung.

Bullshit! Grillen verpestet die Luft, verbrennt die Grasnarbe, pustet Unmengen von Energie und Klimagasen in die lädierte Atmosphäre. Muss ich erwähnen, dass das Grillen Teil des US-amerikanischen Kulturimperialismus ist? Angeheizt von Typen wie Bush Jr., Trump und Ronald McDonald? 227 000 Tonnen Holzkohle für fast 100 Millionen Euro wurden 2015 in deutschen Grills verfeuert, 40 Prozent mehr als 2007. Ein Großteil kommt aus Südamerika und afrikanischen Ländern. Für Grillkohle wird Regenwald gerodet, anschließend kommen die Soja-Plantagen für die Rindermast, das Fleisch landet ebenfalls auf dem Grill. Die Ökobilanz eines Grillsteaks ist verheerend.

Außerdem stört der langwierige Prozess der Zubereitung vom Anheizen bis zur Auslieferung nur die Kommunikation. Der Grillmeister steht abseits und bewacht das Fleisch, während alle anderen feiern. Grillen ist krebserregend, deshalb wurden die hässlichen Aluschalen erfunden, die sind extrem uncool, außerdem geht natürlich der holzig-erdige Grillgeschmack verloren. Also weg damit.

Oder man führt das Grillen völlig ad absurdum, indem man sich den Herstellern monströser Grillvollautomaten ausliefert, vorzugsweise gasgetrieben oder auch elektrisch, wenn Steckdose zur Hand. Geht’s noch?

Warum nicht einfach nur ein Picknick?

Der Hightechgrill Genesis II LX E-340 GBS der Firma Weber verfügt über drei „Hochleistungsbrenner“, „Flavorizer-Aromaschienen“ und ein „Fettauffangsystem“. Wer so was hat, kann seinen Induktionsherd der Oma schenken. Der Preis? Nebensache. Unter Grillern zählt nur das Ergebnis. Der weniger solvente Hauptstadtgriller schleppt seinen Sack Holzkohle in den nächsten Park, stellt den Einweggrill von Aldi auf und vergräbt ein paar Anzünder im Briketthaufen.

Nach dem Gelage kommt die BSR und räumt den Müll weg. Eigentlich sollten die Jungs in Orange ihren Namen erweitern: Berliner Straßen- und Grillzonenreinigung.

Neulich waren die Grillflächen auf dem Tempelhofer Feld, von denen man anfangs dachte: Wahnsinn, da vereinsamt doch jeder, bis zur letzten grünen Rasenecke besetzt. Feuerstelle an Feuerstelle. So muss es auch bei den Stammestreffen der Cherusker anno 60 nach Christi ausgesehen haben.

Es ist schön und beglückend, draußen zu essen, mit Freunden und Nachbarn, aber warum geht das nur noch mit brennender Kohle, die einem die Tränen in die Augen treibt, die Kleidung einräuchert und herumpurzelnde Kleinkinder einer großen Gefahr aussetzt? Picknicken ist der einer modernen, immissionsarmen Gesellschaft angemessene Gegenentwurf zur wilden Kokelei. Man muss dabei keineswegs auf Fleisch verzichten. Eine kalte Platte mit Roastbeefscheiben, Hackepeter und Wiener Würstchen, schön dekoriert und mit Dips bestückt, überzeugt auch Gourmets.

Jeden Winter denke ich, vielleicht wird alles wieder gut, der Grilltrend flaut ab, die Leute kommen wieder zur Vernunft, erinnern sich, dass sie eine Küche haben und mal für den Klimaschutz auf die Straße gegangen sind. Dann kommt der Mai und überall steigen wieder Rauchsäulen auf. „Die Foodies haben den Grill entdeckt“, lese ich. Die schlichte Verbindung aus Grillrost und Kohlebecken wird zu Beefer und Smoker hochgejazzt, die Fotos vom Grillgut auf Instagram gepostet. So geht das nicht, Leute. Ich fordere den sofortigen Ausstieg aus der Grillkohle.

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