Berlin : Xavier Régis Delerue (Geb.1953)

Kunst: fünf Prozent Talent, der Rest Übung, Arbeit, Disziplin

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Xavier Régis Delerue (1953-2016)
Xavier Régis Delerue (1953-2016)Foto: privat

Le dimanche place aux dames. Montags und dienstags und den Rest der Woche bis zum Sonnabend malt Xavier Régis Delerue Stillleben und Porträts und biblische Szenen, aber der Tag des Herrn ist da für die Frauen. Aufreizend stehen, sitzen, liegen sie auf seinen großformatigen Ölbildern, nackt oder halb enthüllt, prächtig und makellos und unterkühlt. Alles in kräftigen Farben, präzisen Linien, geschult an Caravaggio, Ingres, den Expressionisten, Balthus. „Ich suche keine Schönheitsnorm“, sagt er. „Es ist die Geschichte hinter der Frau, die mich interessiert.“ Eine Exhibitionistin, die sich in einem Museum vor zwei Männergemälden alter Meister entblößt. Eine Brünette im Casino, in pelzbesetzter roter Robe, an einem Tisch, auf dem eine blaue Ente sitzt. Ein Mädchen auf einem Stuhl, mit gespreizten Beinen, einem duftigen Rock, der verdeckt und zugleich aufdeckt. Neben dem Mädchen eine Katze.

Manchmal vereint Xavier Mensch und Tier, aus barocken Brokatkleidern schauen Katzenköpfe, aus einer eleganten Halsbinde ein Steinbockhaupt. Viele der Bilder sind Auftragswerke. Ein Weinhändler etwa, der sich am Gendarmenmarkt mit einer exklusiven Flasche in der einen und einem Glas in der anderen Hand abbilden lässt. Einmal nur redet er einem Ehemann die Idee für ein Geschenk für seine Frau aus, denn der möchte den Kopf des Familienhundes auf dem Körper der Angetrauten, was diese wiederum, da ist sich Xavier sicher, weniger amüsieren würde. Er trägt seinen Einwand höflich vor. An Höflichkeit und Takt liegt ihm viel, oft sagt er: „Merci pour tout“, und meint es ernst.

Bestimmte Leute aber gehen ihm auf die Nerven, malende Gattinnen zum Beispiel, die über Selbstverwirklichung plappern und sagen: „Immer, wenn ich ein Bild weggebe, ist es, als verlöre ich ein Kind.“ Kunst besteht für ihn zu fünf Prozent aus Talent, der Rest aus Übung, Arbeit, Disziplin.

Ins Atelier zu gehen ist keine Freizeitbeschäftigung. Das haben auch seine vier Kinder verstanden. Ab und an kommt eines bei ihm vorbei, sitzt mit einem Pinsel vor einem Blatt Papier, ohne viel zu schwatzen, ohne wild mit den Farben zu klecksen. Es sieht den Vater, er arbeitet still und konzentriert, jeden Tag. „Ich fühle mich schlecht“, sagt er, „wenn ich 24 Stunden lang nicht male.“

So war es immer schon. In Troyes, wo er heranwuchs, auf der Jesuitenschule, auf der École des Beaux-Arts, auf seinen Reisen durch Ägypten, Burkina Faso, den Sudan und dann, ab 1978, in Berlin. Er kommt in diese merkwürdige Stadt, eingezwängt und doch vollkommen zwanglos, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne einen Menschen zu kennen. Er geht in eine Kneipe, und als er wieder herauskommt, hat er ein Zimmer. Am Tag darauf bietet ihm jemand einen Job als Kellner an. Leute kennenzulernen, das ist für ihn das Natürlichste der Welt. „Du hast die Fähigkeit“, sagt ein Freund auf Xaviers Trauerfeier, „Sonne und Glück in das Leben der Menschen zu bringen.“ Nichts weniger als glücklich will er die Betrachter seiner Bilder machen. Der gegenwärtige Geschmack interessiert ihn dabei nicht: „Das, was heute in der Kunst gemacht wird, steigert nur meinen Drang, noch klassischer zu malen.“ Minimalistische Acrylmalerei „n’est pas mon truc“ – „ist nicht mein Ding.“ Er vergleicht seine Haltung mit einer Einladung zu einem Abendessen: Man bekommt etwas serviert, das man nicht besonders mag, sagt aber weder, dass es gut, noch dass es schlecht ist.

Galerien sind ihm ein Graus, der Geschäftssinn, der in ihnen herrscht, das Gestelzte. Trotzdem gelingt es ihm, seine Bilder gut zu verkaufen. Er lässt sie in Restaurants aufhängen. „Die Leute haben Zeit, sie essen, sie trinken, sie schauen an die Wände. Und vielleicht kommen sie dann wieder, setzen sich an denselben Platz und entwickeln so ein Interesse. Und dann rufen sie mich an.“

Die spektakulärste Vernissage findet in einem Puff statt: Sehr bürgerliche Damen laufen durch ein Bordell und schauen sich Frauenakte an.

Gut gehen auch die Stillleben, kuriose Kombinationen: Etwa die rote Mütze auf schwarzem Boden, auf den ein weißer Umriss gezeichnet ist, die Konturen eines Mäusekörpers; Titel des Bildes: „Lieu de crime“, „Tatort“. Es gibt auch Früchte und Wein. Manchmal sieht er sich eine Stunde lang die Äpfel beim Gemüsehändler an der Ecke an, um den einen, der ihn inspiriert, zu finden.

Er bringt seinen Kindern bei, Farben zu sehen. Sagt jemand: „Der Himmel ist so schön blau“, antworten sie: „Nein, er ist violett und grau und gelb.“ Er macht die besten Pommes frites. Er malt am Tage ein Huhn und bereitet es abends zu. Er führt seine Freunde durch die Gemäldegalerie. Er fährt mit der Familie auf den Bauernhof in der Vendée.

Und dann, 2006, sagt der Arzt: „Sie haben Krebs. Es bleiben Ihnen sechs Monate.“ Er erwidert: „Mitterand hat nach einer solchen Diagnose noch Jahre regiert.“

2015 bricht die Krankheit erneut aus. Und jetzt, erst jetzt, hört er auf zu malen.

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