Berlin : Yannick Linke (Geb. 1988)

"Wann studierst du eigentlich?" - "Keine Sorge. In der Nacht ist genug Zeit dafür."

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Es klingelt an der Tür, es ist ein Sonntagmorgen. Petra Linkes älteste Tochter öffnet, schaut in die Gesichter zweier Polizisten. „Haben sie einen Bruder?“ – „Ja.“ – „Yannick Linke?“ – „Ja.“ – „Wir müssen ihnen mitteilen, dass er vorgestern in San Francisco bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.“

Es klingelt das Telefon von Petra Linke am selben Sonntagmorgen. „Mama, Yannick ist tot.“

Yannick besuchte eine Freundin in San Francisco, wollte nur schnell etwas erledigen, wenige Straßen weiter, lieh sich ihr Fahrrad, ein betrunkener Autofahrer hinter ihm sah ihn zu spät.

Der Autofahrer und seine Beifahrerin hielten an, stiegen aus, trugen das verbeulte Fahrrad von der Straße, stiegen wieder ein und fuhren weiter.

Mit drei traute sich Yannick nicht, über ein Mäuerchen zu laufen. Seine Eltern übten mit ihm, bis er die Scheu verlor, die einzige Phase der Furcht in seinem Leben.

Im letzten Jahr ist er vier Monate durch Südamerika gereist. Nach der 10. Klasse ging er als Austauschschüler in die Schweiz. Zum Studieren nach Wien. Mit 17 wollte er als Praktikant zum Montreux-Jazz-Festival, sagte dort, er sei 18 und wurde genommen. Sechs Sommer lang fuhr er an den Genfer See, wo 30 Jahre zuvor Deep Purple nach einem Brand während eines Konzertes von Frank Zappa die Idee zu „Smoke on the water“ gekommen war, verkaufte Souvenirs, war dabei, wenn John Lee Hooker, Stanley Clarke oder B. B. King hinter der Bühne jamten. „Mister Staff pour la vie“ nannten ihn die Leute.

Als Kind hockte er eines Nachmittags vor seinem kleinen Radio, drehte und drehte am Senderknopf, bis er plötzlich ein Saxophon, einen Bass, ein Klavier hörte, Jazzradio. Er lernte Gitarre und Bass, spielte in der Big Band seines Gymnasiums, baute nach einer Anleitung aus dem Internet eine Gitarre und einen Bass, suchte sorgfältig das Tonholz aus, sägte die einzelnen Teile zu und setzte sie zusammen. Auf seinem Computer hatte er tausende Titel gespeichert. Mit seinem Vater führte er erregte Diskussionen darüber, ob die Jubiläumsausgabe der Beatles-Platten nicht doch besser in der Monoversion erschienen wäre.

Die Schule spielte bei all dem eine marginale Rolle. Er war ein guter Schüler, aber es gab so viel anderes zu entdecken. Während seiner Grundschulzeit lernte er Französisch, war bezaubert von einer bildhübschen Austauschpraktikantin, die, wenn drei mal keine Hausaufgaben gemacht wurden, die Strafe verhängte, einen Kuchen zu backen und diesen für alle mit in den Unterricht zu bringen. Konditor gab Yannick daraufhin als Berufswunsch an. Dann korrigierte er sich, Sportlehrer wollte er werden. War auch immer in Bewegung, spielte erst Fußball, später Handball, gewann Medaillen im Kendo, fuhr immerzu Fahrrad, besiegte bei einem New Yorker Wettrennen einen Fahrradkurier. Sein Abiturdurchschnitt genügte jedoch nicht für ein Sportstudium. Also entschied er sich für Kultur- und Sozialanthropologie.

Er kannte so viele Menschen, hatte so viele Freunde. „Wann studierst du eigentlich?“, fragte ihn seine Mutter einmal. „Mach dir keine Sorgen“, antwortete er übermütig, „in der Nacht ist genug Zeit dafür.“

An der Wand im Flur von Petra Linkes Wohnung hängt ein Kinderfoto von Yannick. Er liegt auf dem Bauch, die Beine angewinkelt, und streckt sein schönes, offenes Gesicht der Kamera entgegen. „Genauso war er“, sagt sie.

An die Unfallstelle in San Francisco wurde ein grau-weißes Fahrrad, ein „Ghost Bike“, gestellt, dazu Blumen, Kerzen und Bilder von Yannick. Seine Urne ist aus dem Tonholz für seine letzte Gitarre gefertigt. Der Prozess gegen den betrunkenen Autofahrer beginnt voraussichtlich Anfang nächsten Jahres. Tatjana Wulfert

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