"Yorck Records"-Besitzer : Nachruf auf Günther Pehlgrimm

"Yorck Records" hieß Pehlgrimms Laden. Ein echtes Stück des alten Kreuzbergs. Um die Umsätze ging es hier schon lange nicht mehr.

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Quentin Tarantino war auch mal in seinem Laden, blätterte die Platten in den Fächern durch und gab sich überaus entspannt. Wer wollte, konnte sich mit ihm zusammen fotografieren lassen, für Facebook, fürs Poesiealbum. Alle, die zufällig da waren, wollten, nur Günther nicht. Günther Pehlgrimm, Besitzer des Plattenladens „Yorck Records“ in Kreuzberg seit 1977, stand hinter seinem Verkaufstresen und schüttelte seine langen grauen Haare. Dieser Tarantino war schließlich auch nur ein Kunde.

Dass ihm Kunden generell willkommen waren, ließ er sowieso nicht jeden spüren. Er war einer von jenen Fachverkäufern, die auftauen, wenn nach den richtigen Artikeln gefragt wird, die dann aber gern zum ausführlichen Insidergespräch bereit sind. Dabei war Günther Pehlgrimm alles andere als verbohrt, er ließ vieles gelten.

Seine Lieblingsband waren die Beatles, mit denen war er in den sechziger Jahren in Wilmersdorf groß geworden, als einziges Kind einer alleinerziehenden Mutter. 1966 hatte er die Beatles in Hamburg live gesehen; gehört hat er wegen der kreischenden Mädchen nicht so viel. Das Ticket hatte er über die „Bild“-Zeitung gewonnen: „Hat man eigentlich nicht gelesen, als Lehrling. Aber für die Aussicht auf den Gewinn hab ich das Scheiß-Blatt ein paar Mal gekauft.“

Musikalisch ist er dann in den siebziger Jahren hängen geblieben, so sagte er das selbst. Zu den Beatles gesellten sich Hardrock, psychedelischer Rock und der frühe Punk. Auch für Jazz, Soul und neuseeländischen Indiepop konnte er sich begeistern. Das Angebot von „Yorck Records“ war natürlich noch viel größer, bis hin zur Klassik. Nur elektronische Musik, insbesondere Techno gab es kaum.

Von einer Spezialisierung jedenfalls konnte keine Rede sein – die war aber die längste Zeit auch gar nicht nötig. Erst in den letzten 20 Jahren wurde aus dem etwas entlegenen aber gut laufenden Laden ein Nachbarschaftszentrum, eine Anlaufstelle für alternde Popmusikfans, die die Welt da draußen eine schlechte sein ließen und sich die Köpfe über Bootlegs, Fehlpressungen und Quentin Tarantino heißredeten und die Folgen der Gentrifizierung beklagten. Große Umsätze waren da nicht mehr zu machen.

„Im Nachhinein“, hat Pehlgrimm gesagt, „war es wohl nicht die beste Entscheidung gewesen, einen Plattenladen aufzumachen. Aber das konnte man ja damals noch nicht wissen.“

Nach der Ausbildung zum Speditionskaufmann hatte er sein Abitur nachgeholt. Doch anstatt drinnen zu studieren, verkaufte Günther Pehlgrimm lieber vor der Technischen Universität Schallplatten. Die Räume in der Yorckstraße dienten ihm zunächst vor allem als Lager. Als die CDs aufkamen, wurde das Geschäft schwieriger; mehr und mehr Second-Hand- und Nice-Price-Platten kamen in die Regale. Ans Aufhören dachte er aber nie. Und ebenso wenig daran, sich zu spezialisieren, auf eine Nische im Pop zu setzen, wie das andere taten.

Günther Pehlgrimm lebte mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Sohn in Lichterfelde, sein eigentliches Leben spielte sich aber im Laden in der Yorckstraße ab. Daran änderten auch die schwindenden Umsätze und die Krise der Musikindustrie nichts. Montags bis samstags von zehn Uhr am Morgen bis acht Uhr am Abend war er da, trug meistens eins von seinen Beatles-T-Shirts, und kam gar nicht darauf, mal Urlaub zu machen.

Freunde und Stammkunden kamen auf ein oder zwei Bier und viel mehr Zigaretten. Bei „Yorck Records“ wurde auch noch geraucht, als Günter Pehlgrimm die Raucherei längst aufgegeben hatte, es störte ihn nicht.

Seine Einnahmen reichten gerade noch für die Miete und die Betriebskosten. Entscheidend war: „die Tagesstruktur, die mir der Laden gibt. Was soll ich denn nur zu Hause herumhängen?“

Als er vor ein paar Jahren immer blasser wurde, und jeder sehen konnte, dass es ihm nicht gut ging, veranlassten seine Freunde die Einweisung in ein Krankenhaus. Er war schwer am Herzen erkrankt und bekam mehrere Bypässe. Während er sich erholte, führten die Freunde den Laden weiter, immer abwechselnd, wer es gerade einrichten konnte. Es ging schließlich um ihren Treffpunkt; das Geschäftliche war weniger wichtig.

Am Tag, als Günther Pehlgrimm an den Folgen eines Schlaganfalls starb, trafen sie sich alle in den Räumen von „Yorck Records“. Und sie wussten, dass mit ihm und seinem Laden ein weiteres Stück des alten Kreuzberg gestorben war.

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