Berlin : "Young Euro Classic": Grenzenlos musizieren

Frederik Hanssen

Damit hatte niemand gerechnet: Im vergangenen August wurde ein neu gegründetes Musikfestival in Berlin aus dem Stand zum absoluten Sommerloch-Renner. "Young Euro Classic" hieß das Projekt, das sich ein paar Freunde abends beim Wein ausgedacht und dann mit beeindruckendem Engagement umgesetzt hatten: Sie holten 26 nationale Jugendorchester aus ganz Europa an den Gendarmenmarkt und in die Philharmonie - und das Publikum rannte ihnen die Bude ein. Bei verlockenden Kartenpreisen von 15 Mark bevölkerten ungewöhnlich viele junge Leute die Säle und sorgten für Stimmung. Schon nach wenigen Festivaltagen stand damals für die Veranstalter fest: Das machen wir im Sommer 2001 wieder.

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Willi Steul, Landessender-Direktor des Südwestrundfunks und einer der Gründungsväter von Young Euro Classic, kommt sofort ins Schwärmen, wenn er von den Plänen für August erzählt. "Im letzten Jahr waren wir ganz europäisch, diesmal gehen wir einen Schritt weiter: Wir wollen zeigen, dass das musikalische Europa längst viel größer ist als das politische. Darum haben wir auch junge Orchester aus Ländern eingeladen, die erst noch EU-Mitglied werden wollen wie Island, der Türkei oder den baltischen Staaten. Aber auch aus fernen Regionen, wo man zunächst gar keine Ensembles vermuten würde, die sich mit den Werken europäischer Komponisten beschäftigen, wie zum Beispiel Armenien und Aserbaidschan."

Einen programmatischen Schwerpunkt will man diesmal auf das Musikland Polen legen. Als Steul dem polnischen Botschafter Andrzej Byrt von dem Plan erzählte, war der sofort Feuer und Flamme. Obwohl er Mitte März als Regierungsberater nach Warschau gewechselt ist, fand er noch an seinen letzten Arbeitstagen Zeit für Young Euro Classic. Die Ursprungsidee, parallel zum Berliner Ereignis ein ganzes Festival im östlichen Nachbarland zu veranstalten, ließ sich mit der organisatorischen Infrastruktur des Vereins, der nur "mit einer Hand voll Leuten" arbeitet, nicht realisieren. Aber zur Eröffnung wird der Komponist und Dirigent Krysztof Penderecki mit seiner Sinfonietta Kracovia nach Berlin kommen. Außerdem reisen mehrere Orchester nach ihren Auftritten in der deutschen Hauptstadt weiter in die polnische. Dort könnten sie in der Philharmonie spielen oder - das wäre der Traum von Botschafter Byrt - im Innenhof des Warschauer Königspalais.

Bis Anfang August gilt es für die Young-Euro-Classic-Macher noch jede Menge solcher Ideen zu verwirklichen. Steul, der zwar in seinem Hauptberuf kaum an Arbeitsmangel leiden dürfte, gibt sich gelassen. Mit Aussicht auf spannende Konzerte, vor allem aber in der Vorfreude auf jede Menge anregender Begegnungen mit jungen Musiker aus aller Welt, will er sich den Stress gerne zumuten. "Menschlich-private Beziehungen stehen immer am Anfang guter politischer Beziehungen zwischen den Staaten", betont Steul. Er weiß, wovon er spricht: Der Direktor des SWR-Landessenders ist mit einer Französin verheiratet.

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