• Young Euro Classics: Nicht nur an einem Sonnatg im August: täglich Klassiker der Moderne

Berlin : Young Euro Classics: Nicht nur an einem Sonnatg im August: täglich Klassiker der Moderne

Jörg Königsdorf

Den Ehrentitel des Sparparadieses für Klassik-Freaks hat Berlin spätestens seit der 20-Mark-Aktion der Komischen Oper weg. Die Maßnahme hat sich schon jetzt als durchschlagender Erfolg beim Publikum und Heilmittel gegen den alljährlichen Besucherschwund zum Saisonende erwiesen. Für die, die durch das Billig-Angebot erst richtig auf den Hochkultur-Geschmack gekommen sind, schließt sich passgerecht an die letzte Vorstellung der Komischen Oper, Andreas Homokis "Falstaff"-Inszenierung am 30. 7. (unbedingt hingehen!), das nächste Dumping-Festival an. Schlappe 14 Mark kosten die Karten für das europäische Jugendorchester-Festival Young Euro Classics. Wohlgemerkt für Normalverbraucher, die sonst immer versuchen müssen, die Billettverkäufer durch freundliches Lächeln vom Blick auf das Verfallsdatum ihres längst abgelaufenen Studentenausweises abzulenken oder sich mit der Ermäßigungsberechtigung des WG-Partners durchzumogeln.

All diese erniedrigenden Prozeduren fallen für einen Monat an den Kassen von Philharmonie und Konzerthaus fort - endlich einmal kann Klassik auch preislich dem Kino Konkurrenz machen. Und das, obwohl etliche Stars auftreten, die ansonsten nur gegen schweres Geld bei Abo-Reihen und Festivals zu hören sind. Pierre Boulez zum Beispiel, Frankreichs Musik-Guru, dirigiert ein Klassiker-der-Moderne-Programm von Strawinsky bis Varèse, nach dem man sich eigentlich die Finger lecken müsste (am 1. August in der Philharmonie). Oder Wolfgang Holzmair, einer der weltweit gefragtesten Liedsänger, der bei Mahlers "Lied von der Erde" mit dabei ist (am 6. August im Konzerthaus). Oder Daniele Gatti, einer der wichtigsten kommenden Dirigenten, der auch schon bei den Philharmonikern zu Gast war (diesmal mit dem italienischen Jugendorchester am 8. August im Konzerthaus).

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen - auch weil die Zusammenarbeit von erfahrenen Dirigenten und jungen Musikern eines der Grundprinzipien der meisten Jugendorchester ist. Eine Konstellation, die fast immer zu überdurchschnittlich guten Konzerten führt: Denn für die Dirigenten ist die Möglichkeit, an einem Konzertprogramm in entspannter Ferienlager-Atmosphäre wochenlang herumfeilen zu können, ebenso etwas Besonderes wie für die Musiker. Eine Symbiose, die dazu geführt hat, dass das Niveau fast aller Jugendorchester in den letzten Jahren enorm gestiegen ist. Inzwischen sind selbst die schwersten Orchester-Brocken für Jugendorchester mehr eine Herausforderung als eine Hürde. Nicht einmal das Wiener Jeunesse Orchester, bei dem ein Wiener-Klassik-Programm am nächsten gelegen hätte, versucht, sich mit Beethoven und Haydn zu profilieren. Die Jugendorchester-Favoriten heißen Mahler und Schostakowitsch.

Schon das Eröffnungskonzert des Jeunesses musicales Weltorchesters hat mit Rachmaninows zweiter Sinfonie ein gut einstündiges Monumentalwerk auf der Programmliste (31. Juli in der Philharmonie), das Nationale Irische Jugendorchester wagt sich zwei Tage später sogar an Strawinskys "Sacre du printemps", das noch Jahrzehnte nach seiner Uraufführung selbst bei Profi-Orchestern als kaum spielbar galt. Die niedrige Eintrittsschwelle des Festivals wird vermutlich auch den Berliner Sinfonieorchestern etliche neue Interessenten für ihre Saisonkonzerte bringen - spätere Enttäuschungen nicht ausgeschlossen. Denn während fast jedes der Jugendorchester eine Uraufführung mit im Gepäck hat, sind die Profi-Programme oft von Konzessionen an die konservativeren Publikumsschichten geprägt - was nebenbei dazu geführt hat, dass man in diesem Monat soviel zeitgenössische Orchestermusik hören kann wie sonst kaum im ganzen Jahr. Aber auch das kann sich ja noch ändern.

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