Yunus und Rigo : Der Geist der Flaschen

Sie lasen Dostojewski und hatten Angst, weil das Leben draußen ohne sie weiterging. Yunus und Rigo wurden nach dem 1. Mai 2009 wegen versuchten Mordes angeklagt. Nach sieben Monaten Haft kam der Freispruch – verloren haben sie trotzdem etwas.

von und
Die sichere Bank. Rigo (l.) und Yunus machen am diesjährigen 1. Mai einen weiten Bogen um Kreuzberg.
Die sichere Bank. Rigo (l.) und Yunus machen am diesjährigen 1. Mai einen weiten Bogen um Kreuzberg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Was Verheißung ist für Tausende, die Aussicht auf ein Fest im Freien und den Schauder, weil später garantiert noch irgendwo Steine fliegen und Mülltonnen brennen, ist für Yunus K. und Rigo B. ein monatelanger Albtraum.

„Leben, Cut, Leben“, sagt Yunus, „ich krieg das immer noch nicht zusammen.“

230 Tage lang saßen sie in Untersuchungshaft, sieben Monate kostete sie der 1. Mai 2009, versuchter Mord lautete die Anklage. In diesem Jahr wollen sie ganz sicher nicht dabei sein, in diesem Jahr wollen sie lieber grillen gehen.

Sie begrüßen sich mit Handschlag, größer und kräftiger Rigo, der Jüngere, selbstbewusster Yunus, der Ältere, weite Hosen und T-Shirts tragen beide. „Oh Mann“, sagt er und schüttelt den Kopf, als er an einem Plakat vorbeiläuft, das das MyFest, das Kreuzberger Bürgerfest, ankündigt. Das weckt schlimme Erinnerungen.

Hitze lag über der Stadt, als beide vor einem Jahr nach Kreuzberg fuhren, um mit Freunden zu feiern, wie sie sagen. 16 und 19 Jahre alt waren sie, Waldorfschüler, Yunus hatte gerade die schriftlichen Abiturprüfungen hinter sich. Und er stand unter Bewährung: Wegen eines Flaschenwurfs in der Walpurgisnacht 2007. Als sei das bereits seine Lektion gewesen, sagt er, dass er „schnell raus aus der Menge“ wollte, als er sah, dass Steine flogen. Auch Rigo habe im Tumult seine Gruppe verloren und Yunus, den besten Freund seines großen Bruders, getroffen. Abseits des Geschehens hätten sie sich zusammengetan, um Geld zu holen in der Sparkasse am Kottbusser Tor, sagen sie. Vor der Bank seien sie gepackt, gegen einen Polizeibus geschleudert worden. Die Arme wurden ihnen auf den Rücken gedreht, Taschen gefilzt, Ausweise einkassiert, Handschellen angelegt. „Schnauze“, habe es geheißen, „Schnauze!“, als der Ältere dem Jüngeren sagen wollte, bleib ruhig.

Aus der Sicht der Staatsanwaltschaft dagegen beginnt die Geschichte wenige Minuten früher und ein paar hundert Meter weiter: Als der Rücken einer jungen Frau Feuer fängt.

Steine waren auf gepanzerte Polizisten geprasselt, und plötzlich, mitten in der Menge, traf ein Molotowcocktail die Frau, 28 Jahre alt. An ihrer Jacke loderten Flammen, die sie panisch auszuklopfen versuchte. Später im Krankenhaus wurde festgestellt, dass drei Viertel ihrer Rückenhaut schwer verbrannt waren.

Es folgte: die schwerste Anklage, die nach einem Berliner 1. Mai je erhoben wurde. Versuchter Mord an Polizisten – die hinter der Frau gestanden hatten – fahrlässige Körperverletzung und Verstoß gegen das Waffengesetz. Sie führte dazu, dass zwei Schülern der Prozess gemacht wurde; einer der umstrittensten in der jüngeren Berliner Justizgeschichte.

17 und 20 sind sie heute, erwachsener seien sie geworden, ernsthafter, sagen die Eltern. Ein wenig verwundert wirkt Rigo, der seinem Gegenüber selten in die Augen sieht und sich immer wieder an den Kopf fasst, als frage er sich: Was war das alles? Analytischer blickt Yunus zurück, bitterer auch, in der Gewissheit, dass alles anders hätte ausgehen können.

Dass sie einen Molotowcocktail geworfen haben sollen, sagte ihnen ein Polizist noch bei der Festnahme. Dass sie wegen versuchten Mordes angeklagt werden würden, erfuhren sie am nächsten Tag vor dem Haftrichter. Yunus’ Vater war gekommen, Rigos Mutter, die er mit dem einzigen erlaubten Telefonat angerufen hatte, weinte. „Natürlich war es ein Schock“, sagt sie. „Aber wir haben nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass sie unschuldig sind.“

Noch immer sieht es so aus, als falle es Rigo schwer, die richtigen Worte zu finden, um zu erzählen. Als ob in diesem Moment etwas Unwirkliches mit seinem Leben passierte, das er bis dahin mit Eltern und drei Geschwistern in Zehlendorf teilte. Dass es viel zu laut war, um in den ersten Nächten Schlaf zu finden, sagt er, weil Mitgefangene lärmten. Und dass er natürlich sicher war, anfangs, das ganze sei ein Missverständnis und die Freilassung würde nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Doch es dauerte. Rigo kam in die Jugendstrafanstalt Kieferngrund nach Lichtenrade, Yunus nach Plötzensee. Tage, Wochen, Monate, sagen beide, hätten sie sich an die Hoffnung geklammert, bald rauszukommen, und den Gedanken nicht zugelassen, dass es auch anders kommen könnte. Trotzdem, sagt Yunus, habe er wahnsinnige Angst gehabt, „dass das Leben einfach weitergeht, jahrelang. Für meine Familie, für meine Freunde, ohne mich.“

Wenn sie erzählen, dann mischt sich Gefängnis-Slang unter ihre Worte – sie schieben hinterher, was sie bedeuten. Einen „Trenner“ hatten sie, sagt Rigo. Sie durften sich nicht sprechen oder sehen, um nicht abzugleichen, was auszusagen wäre. Von den „Meistern“ sprechen sie, den Wärtern, mit denen sie manchmal Tischtennis spielten. „Da war immer der Gedanke: Du musst gewinnen“, sagt Yunus. „Die vertraten ja die Gegenseite.“ Und dass sie „am Fenster“ standen nächtelang: Jeder für sich blickte nach draußen, und ohne die Mitgefangenen aus den Nachbarzellen zu sehen, wurde gesprochen. Es ging immer um dasselbe, sagt Rigo ergeben: Wer kommt wann endlich raus?

Um sich die Zeit zu vertreiben, las er rund 40 Bücher. „1984“, „Schuld und Sühne“, „100 Jahre Einsamkeit“. Er habe kaum gelesen vorher, sagt seine Lehrerin, die ihn seit der sechsten Klasse kennt. Nun verschlinge er die Bücher regelrecht. Sie brachte ihm Material, damit er für den Mittleren Schulabschluss lernen konnte – und nahm ihm die Prüfungen ab. Viele Kilometer entfernt lernte Yunus in Plötzensee fürs mündliche Abitur. Beide bestanden im Gefängnis.

„Den Kopf benutzen“, sagt Yunus, sei das wichtigste gewesen im stickigen, immergleichen Alltag im Hochsommer. „Und beweisen, dass wir es nicht waren.“ Er las die Akten, die seine Anwältin ihm in die acht Quadratmeter große Einzelzelle brachte, bis er sie auswendig konnte. Er wollte Details finden, mit denen er seine und Rigos Unschuld beweisen könnte. Ein kleines Fenster zur Welt öffnete sich alle zwei Wochen durch Eltern und Geschwister, die für eine halbe Stunde zu Besuch kommen durften. Draußen, erzählten die, suchten Familie und Freunde mit Zeitungsanzeigen und hunderten Handzetteln nach Entlastungszeugen.

Als am 1. September, genau vier Monate nach der Verhaftung, im Moabiter Verhandlungssaal der Prozess eröffnet wurde, fanden nicht alle Platz, die gekommen waren. Familie und Freunde, Lehrer und Klassenkameraden, Presse und Prozessbeobachter. Die Angeklagten, für die gemeinsam gekämpft wurde, während sie die Monate jeder für sich durchstanden, sahen sich zum ersten Mal wieder. „Ganz schön breit war er“, sagt Yunus über Rigo und lächelt, „von den Liegestützen und vom Gewichtheben“. Lange Haare hatten beide bekommen. Meist saßen sie mit dem Rücken zum Saal. „Aber manchmal konnte ich mich umdrehen“, sagt Yunus. „Nach ein paar Stunden Verhandlung mal rübergucken, und irgendjemand lächelt mich an.“

Schon am ersten Tag gab es Zweifel an der Angemessenheit der Anklage. Die Verteidigung forderte gleich anfangs, den Staatsanwalt abzulösen, der entlastende Beweise nicht berücksichtigt habe. Die Kleidung der Angeklagten sei nicht sofort auf Spuren untersucht worden. Minuten nach dem Flaschenwurf hatten sich außerdem zwei Hobbyfotografen bei Polizisten gemeldet und angegeben, die Gruppe der Werfer fotografiert zu haben. Die Staatsanwaltschaft, sagt Yunus’ Verteidiger Ulrich von Klinggräff, habe diese entscheidenden Fotos ignoriert.

Erst als Rigos Anwältin Anzeige gegen Unbekannt erstattete, identifizierte die Polizei die mutmaßlichen Täter auf den Fotos. Beamte durchsuchten die Wohnungen der zwei polizeibekannten Jugendlichen, von denen einer am ersten Mai wie Rigo ein weißes T-Shirt und eine dunkle Kappe getragen hatte. In den Bettkästen der beiden fanden sich Benzinkanister und Handschuhe. Alles wurde fotografier, aber weder mitgenommen noch untersucht. Später, als die Polizei die Kanister auf Drängen der Anwälte doch beschlagnahmen wollte, war alles verschwunden. „Es war ein gespenstischer Prozess“, sagt von Klinggräff heute, in dem die Beweislage verdreht worden sei. Die Medien, von denen manche die „Mai-Randalierer“ anfangs gerne hinter Gittern gesehen hätten, fragten irgendwann: „Stehen die Falschen vor Gericht?“

Drinnen, sagt Yunus, hielten Mitgefangene im Hof Zeitungen in die Luft und riefen ihnen zu: „Ihr wart es ja wirklich nicht!“ Draußen formierten sich die Unterstützer. Je fragwürdiger sie die Anklage fanden, desto mehr Menschen engagierten sich. Auch die linke Szene machte mobil. „Für die waren wir zeitweise eine Art Märtyrer“, sagt Yunus. Er sei dankbar für deren Unterstützung – „aber manchmal“, sagt er, „habe ich auch gedacht: Wenn ihr uns helfen wollt, dann fackelt jetzt bloß keine Autos ab!“

Eine Internetseite wurde aufgebaut, auf der Artikel zum Prozess gesammelt und Hintergründe beschrieben wurden. T-Shirts wurden gedruckt, auf denen schwarz auf weiß „Freiheit für Yunus und Rigo“ stand. Solidaritätsveranstaltungen wurden organisiert, Benefizkonzerte für die Prozesskosten gegeben, Unterstützertransparente gemalt und in Fenster gehängt. Nach und nach solidarisierten sich auch die Jusos offiziell mit den Schülern, die Linksjugend, die Grünen.

An den Schulen der beiden war der Prozess Thema im Unterricht, die Klassenkameraden hielten Mahnwachen ab vor dem Roten Rathaus. „Wie soll man den Schülern erklären“, fragt Friedrich Ohlendorf von der Zehlendorfer Waldorfschule, „dass die Mitschüler trotz aller Entlastungszeugen in U-Haft bleiben?“

Auch die Familien lebten im „permanenten Ausnahmezustand“, sagt Yunus’ Vater Ingo K. Die Väter, Schlosser und Elektromeister, arbeiteten an den Wochenenden, um bei den Verhandlungstagen während der Woche dabei sein zu können. Die Mütter, im sozialen Bereich beschäftigt, organisierten Proteste und Besuchserlaubnisse, telefonierten mit den Anwälten, sammelten Geld für die Prozesskosten, schickten ihren Söhnen Briefe und Bücher. Die Geschwister, vor allem Rigos großer Bruder, trommelten Unterstützer zusammen. „Die Abwesenheit der beiden hat unseren Alltag dominiert“, sagt Rigos Mutter Eva B.

Von alldem erfuhren Yunus und Rigo nur mittelbar. Die Aufregung, mit der sie anfangs in die Prozesstage gingen, wich bald Anstrengung und Ungläubigkeit. Den Herbst sahen sie nur, wenn sie im Transporter nach Moabit gefahren wurden. Einen Geburtstag hatten beide schon in Haft erlebt – ein Tag wie jeder andere, sagen sie, den sie trotzdem nie vergessen werden. „Aber Weihnachten allein zu sein, wäre schlimmer gewesen“, sagt Rigo. Als die Richterin Mitte November verkündete, dass die Angeklagten weiter in Haft bleiben würden, schlug er auf den Tisch, sprang auf und brach in Tränen aus. „Na klar!“, rief er der Richterin entgegen. Seine Eltern eilten zu ihm und nahmen ihn in den Arm, „Skandal“, riefen Zuhörer, so dass die Richterin die Verhandlung unterbrach. „Mir ist der Kopf geplatzt“, sagt Rigo heute.

Eine Woche vor Weihnachten dann hob die Richterin die Haftbefehle auf. Sekundenlang herrschte Stille im vollen Saal, bevor der Jubel losbrach.

Im Januar folgte der Freispruch. Es war ein Freispruch „zweiter Klasse“. Nicht von der Unschuld der Jugendlichen war die Rede, sondern von Zweifeln an der Schuld. Die Staatsanwaltschaft strebt weiter eine Verurteilung an, sie hat Revision angekündigt.

In den ersten Tagen nach dem Freispruch klingelte Rigos Handy, klingelte pausenlos. In der Schule „folgten ihm ganze Scharen von Jugendlichen ins Klassenzimmer“, sagt seine Lehrerin. Rigo umarmte alle.

Kurz nach der Freilassung hatte es eine Demonstration unter dem Motto „Schluss mit politischen Schauprozessen“ gegeben. Yunus traf die Unterstützer. „An meiner eigenen Demo teilzunehmen war zu viel“, sagt er. „Ich bin erst mal wieder raus und hab geheult.“ Die Staatsanwaltschaft, hieß es auf der Demo, habe wohl ein Exempel statuieren wollen.

Er ist jetzt auf der Suche nach einer Zivildienststelle, am liebsten im Ausland, mal was anderes sehen als Berlin. Rigo, der schlechter geworden ist in der Schule, hofft, eine Empfehlung fürs Abitur zu bekommen. Das Verhältnis zu ihren Familien ist enger geworden, ihr Vertrauen in die Richtigkeit, die Dinge hierzulande haben, aber geringer.

„Ich wüsste gern, welches Bild die wirklich von uns hatten“, sagt Yunus über den Staatsanwalt und die Richterin. Rigo zuckt mit den Schultern. „Denen hat was Menschliches gefehlt“, sagt er.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

42 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben