Berlin : Zählen, bitte!

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Zum 20. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April haben die Grünen im Abgeordnetenhaus ihre Forderung erneuert, konsequent auf Atomstrom zu verzichten. „Dieser Verzicht muss dauerhaft erfolgen und die dazu gegebenen Garantien der Stromlieferanten kontinuierlich überprüft werden“, heißt es in einem Antrag der Grünen-Fraktion.

Sprachschluderei ist nicht lebensgefährlich, aber kulturlos. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Singular und Plural kinderleicht. Die Form des Verbs richtet sich nach Einzahl oder Mehrzahl des Substantivs. Doch das wird oft ignoriert. Die Garantien muss überprüft werden?

In dem Antrag steht auch: „Um Atomstrom zukunftssicher ersetzen zu können, gibt es nur eine Möglichkeit: der dauerhafte Ausbau erneuerbarer Energien.“ So ein Pech, dass der erste und der vierte Fall in der weiblichen Form gleich lauten. Es gibt wen oder was? Nur eine Möglichkeit. Da nun die nach Meinung der Grünen einzige Möglichkeit im Akkusativ steht, hätten sie diese auch im Wen-Fall beim Namen nennen müssen: Es gibt nur eine Möglichkeit: den Ausbau erneuerbarer Energien. Anders kann man es im Nominativ sagen: Die einzige Möglichkeit ist der Ausbau erneuerbarer Energien. Doch zurück zu Singular und Plural. „Durch Zwangsverheiratung wird nicht nur das Recht auf selbstbestimmte Wahl des Partners ... verletzt, sondern damit auch die Menschenwürde und die Grundrechte auf persönliche Freiheit und körperliche Unversehrtheit“, las ich in einem anderen Antrag der Grünen. Wieder wurde im zweiten Teil des Satzes das Prädikat verschluckt, das dort im Plural stehen müsste, denn wir haben es mit der Aufzählung bestimmter Grundrechte zu tun: ... sondern damit werden auch die Menschenwürde und die Grundrechte auf persönliche Freiheit und körperliche Unversehrtheit verletzt.

Vielen ist es wohl zu umständlich, sich korrekt auszudrücken. Beispiele dafür findet man keineswegs nur bei den Grünen. So stellte der Abgeordnete Frank Henkel (CDU) in einer Erklärung fest: „Dass kein Mensch wegen seiner Herkunft, seines Glaubens und Anschauungen herabgesetzt oder bevorzugt werden darf, steht im Grundgesetz.“ Wegen seiner Anschauungen bitte, die Anschauung ist weiblich.

Immer diese Schlamperei, ob aus Hast oder Unkenntnis. Wie wäre es, wenn Parlamentarier den einbürgerungswilligen Ausländern beim Sprachkurs Gesellschaft leisteten?

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