Berlin : Zahl der Intensivtäter sinkt – in der Statistik

Immer mehr jugendliche Serientäter. In die Justiz-Kartei kommt deshalb nur noch, wer zehn statt bisher fünf Gewalttaten begangen hat

Jörn Hasselmann

In Berlin gibt es so viele jugendliche Serientäter, dass die Staatsanwaltschaft die „Eingangsvoraussetzungen“ für die sogenannte Intensivtäter-Datei drastisch verschärft. Vor drei Jahren glaubte die Justiz, dass sich die Zahl bei 250 Jugendlichen einpendeln wird. Derzeit umfasst die Liste bereits 442 Personen. Bislang waren fünf Gewalttaten die „Eingangsvoraussetzung“, ab kommendem Jahr sollen es zehn sein. Denn eine Abfrage im elektronischen Auskunftssystem der Staatsanwaltschaft ergab 3608 Täter, die mehr als fünf Gewalttaten auf dem Kerbholz haben. „Das ist ein Fass ohne Boden“, hieß es aus der Spezial-Abteilung 47. Diese wurde 2003 gegründet, damit für junge Vielfachtäter immer der gleiche Staatsanwalt zuständig ist, der zudem eng mit den Ermittlern der Polizei zusammenarbeitet. Bei der Abfrage „mehr als zehn Gewalttaten“ spuckt der Justizcomputer nur noch 613 Namen aus. Von denen sind etwa 300 der Geburtsjahre 1980 bis 1995 - also Kandidaten für die Abteilung 47.

In die Intensivtäterliste kommt man auch, wenn man „noch“ keine zehn Gewalttaten zusammen hat - Täter, die besonders viel Aufsehen erregten, schaffen es auch in diese Liste. Ein Beispiel ist der erst zwölfjährige Mahmoud O. (Name geändert). Der Junge libanesischer Herkunft hatte Ende Mai in seiner Schule eine 63-jährige Lehrerin durch einen Faustschlag zu Boden gestreckt. Die Frau erlitt dabei schwere Verletzungen, das Verfahren gegen den Schüler wurde am 30. Juni eingestellt - denn er ist noch nicht 14, also nicht strafmündig. Dennoch hat die Abteilung 47 seine Akten angefordert, wie es hieß. Darin sind bislang 18 Einträge seit Mai 2002; vier davon sind Gewalttaten. Nach der Prügelattacke gegen die Lehrerin wurde Mahmoud im Juni noch einmal bei einem Diebstahl erwischt.

Mit 13 Jahren nur wenig älter, aber ebenso schlagkräftig, ist die ebenfalls aus Libanon stammende Lara N. (Name geändert), die kürzlich Schlagzeilen machte, weil sie ohne Anlass eine Studentin angriff und schwer verletzte und zuletzt mit einer Schreckschusspistole bewaffnet ein Hotel in Moabit überfiel. Die Familie von Lara kennen die Staatsanwälte bereits gut, die älteren Zwillingsbrüder sind „Stammkunden“, wie es hieß.

Die Zahl der Intensivtäter steigt, ihre hemmungslose Brutalität ebenso. Mittlerweile werde fast jeder Streit mit dem Messer ausgefochten - Tote werden in Kauf genommen. Kürzlich wurde zum Beispiel der 17-jährige Husam El-C. festgenommen, der an einer Straßenecke in Tiergarten mit Baseballschläger und Messer einen anderen Araber lebensgefährlich verletzt hatte. Er stammt übrigens aus dem gleichen libanesischen Clan El-C. wie der ein Jahr jüngere Hussein. Der hatte Ende 2005 bundesweit Schlagzeilen gemacht, als er seiner schwangeren Freundin brutal in den Bauch trat. Etwa 80 Prozent der 442 Intensivtäter haben einen sogenannten Migrationshintergrund.

Besorgniserregend sei vor allem der steigende Anteil junger ausländischer Straftäter, hatte Innensenator Ehrhart Körting im Frühjahr bei der Vorstellung der Kriminalstatistik (PKS) für 2005 gesagt. „Während 2005 jeder achte männliche deutsche Jugendliche mit einer Straftat in Erscheinung trat, war dies bei männlichen nichtdeutschen Jugendlichen jeder Dritte“, heißt es in der PKS. Die insgesamt erfreuliche Verringerung der Jugendkriminalität sei nur auf den Rückgang der Delikte deutscher Täter zurückzuführen.

Seit Gründung der Abteilung 2003 bis Ende März 2006 wurden nach Justizangaben in 728 Fällen Anklagen gegen diese Intensivstraftäter erhoben. In 682 Fällen erhielten diese Jugend- und Freiheitsstrafen.

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