Berlin : Zahltag im „Umsonstladen“

Dem alternativen Gratis-Projekt in der Brunnenstraße 183 droht die Räumung

Katja Reimann

Wer den Laden mit dem leuchtend blauen Anstrich betritt, erreicht eine antikapitalistische Zone, einen Raum, in dem es riecht, als sei lange nicht gelüftet worden. Einige Berliner leben hier ihre ganz persönliche soziale Utopie. Alles ist gratis. Irgendwelche Leute geben hier Sachen ab, die sie nicht mehr brauchen, andere holen sich etwas heraus. Die Oase heißt Umsonstladen. Inmitten des Raumes hängt ein umgedrehtes Hufeisen an einem Holzbalken. Ob es den Betreibern des Projektes Glück bringt, wird sich zeigen: Ihr Laden steht vor der Räumung.

Der neue Eigentümer des Hauses in der Brunnenstraße 183, Manfred Kronawitter, ein Arzt aus Passau, betrachtet das Alternativmilieu des Ladens und des angeschlossenen soziokulturellen Hausprojekts skeptisch. Er hat andere Pläne: Die gesamte Immobilie soll grundsaniert und vollkommen umgebaut werden. Gedacht sei an „generationenübergreifendes Wohnen“, sagt Kronawitters Anwalt Stefan Häntsch. Für die 25 Bewohner des Hauses sehe Kronawitter in der Brunnenstraße keine Zukunft.

Um diese möglichst bald zum Auszug zu bewegen, setze der Arzt auf radikale Methoden, erzählt Bewohner Jens Herrmann: Vor einigen Tagen habe Kronawitter die Schlösser aus den Türen des Hauses gebrochen, das er im Januar dieses Jahres erwarb. Nun drohe er damit, neue Schließsysteme einzubauen und die Bewohner somit „auszusperren“.

Kronawitters Anwalt Stefan Häntsch kann jedoch nicht bestätigen, dass sich sein Mandant gewaltsam Zugang zum Haus verschafft hätte. Dass der Passauer gemeinsam mit einigen seiner Mitarbeiter sowie einem Architekten sein Eigentum besichtigt habe, stimme jedoch. Es gehe darum festzustellen, wer im Gebäude zu welchen Konditionen lebe. „Es wird keine kalte Räumung des Hauses stattfinden“, betonte Häntsch. Die Bewohner berufen sich im Rechtsstreit nur auf ihr mündlich vereinbartes Mietverhältnis. Schriftliche Verträge können sie nicht vorlegen.

Die Situation für den Umsonstladen scheint besonders prekär: Als gewerblich genutzte Fläche fällt diese dem neuen Besitzer ohne Probleme sofort zu. Kronawitter könnte dort jederzeit eine Räumung anordnen. Einer solchen Klage sieht Jens Herrmann mit Schrecken entgegen: „Der Umsonstladen ist ein ganz wichtiges Projekt für die Stadt“, sagt er. Etwa 1000 Berliner nutzten den Laden wöchentlich, um gebrauchte Gegenstände abzuliefern oder mitzunehmen. Es sei die „praktische Kooperation zwischen Menschen“, die den sozialen Charme des Umsonstladens ausmache. Zudem sei der Laden auch ein wichtiger sozialer Ort.

Manfred Kronawitter ist nach anfänglichen Streitereien nun nicht mehr an Gesprächen mit den Betreibern interessiert. Dass der Umsonstladen sogar die solidarische Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit hat, ist für diese zwar tröstlich, aber eben auch nur eine mündliche Zusage.

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