Berlin : Zampano geht - Zäsur als Chance (Meinung)

Peter Becker

Die Verblüffung war erst mal groß über Peter Radunskis noch am Wahlabend angekündigten Abschied vom Amt des Berliner Kultursenators. Aber man wird jetzt weder trauernde Künstler noch sehr viel tränende Krokodile antreffen. Und dennoch: Der kleine runde Mann mit dem Kugelblitztemperament hatte sich in der Kulturszene mit den Jahren auch Respekt und Zuneigung erworben. Der Respekt galt dem bisweilen unkonventionellen Instinktpolitiker, die Zuneigung jenem Außenseiter, der auch den von Claus Peymann geprägten Spitznamen "Zigeunerbaron" wie einen Ehrentitel trug (und mit dem Instinkt dafür, dass die ironische Schmähung ihn erst populär machen würde). Im Übrigen werden Kunst und Kultur oft genug von Außenseitern befruchtet. Als Kultur- und Wissenschaftssenator aber sollte man sein Sachgebiet nicht nur aus dem Off-off kennen. In Kunst- und Bildungs-fragen ist der ehemalige Wahlkampfmanager Helmut Kohls jedenfalls ein begeisterter Amateur geblieben. Ihm fehlten, um die Probleme beispielsweise der Berliner Opern und Theater zu durchschauen und Strukturveränderungen nicht allein unter Budget-Vorgaben betreiben zu können, die inhaltlichen, die qualitativen Kriterien. Andernfalls wäre es nie zu der (geplanten, im Senat noch immer nicht abgesegneten) Fehlbesetzung bei der Nachfolge Thomas Langhoffs als Intendant des Deutschen Theaters gekommen. Und routinierte Kumpanei und Selbstbedienung hätten im Dickicht der Berliner Musikbühnen nicht so lange Bestand.

Die Zäsur ist nun auch die Chance Berlins. Radunskis übergroßes Ressort muss verschlankt werden, und die Hauptstadt braucht im neuen, engeren Verhältnis zum Bund einen Kultursenator (oder eine Senatorin) auf der intellektuellen Augenhöhe auch des Staatsministers Naumann. Berlin hat als Attraktion zuallererst Kultur und die Chancen einer Stadt der Bildung und Wissenschaft zu bieten. Es ist das Pfund der Zukunft, das Pfand der werdenden Metropole. Offensive Kulturpolitik, nicht nur verwaltend, auch gestaltend, müsste so ein Kopf- und Herzstück der Berliner Politik werden. Dafür werden schon Namen gespielt: Monika Grütters ist eine musische, durch ihre Intelligenz und Integrität in der Kulturszene geschätzte Politikerin. Bald melden sich noch andere Bewerber aus der Berliner CDU, die auf den Posten pocht. Nur einer ist wohl zu früh gestartet: Christoph Stölzl, der seinen Absprung vom Deutschen Historischen Museum zur "Welt" seit Sonntagabend bereuen könnte.

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