Berlin : Zartes Pflänzchen Förderung

Ein paar Initiativen bietet das Land. Aber es fehlt an Kooperationswillen: Jeder wurstelt für sich

Moritz Honert

Drei Universitäten, zehn Fachhochschulen, mehr als 70 private Forschungseinrichtungen wie das Max-Plank-, das Leibnitz- oder das Fraunhofer-Institut, über 50 000 Angestellte im Bereich Wissenschaft und Forschung sowie ein Budget von jährlich 1,8 Milliarden Euro: Berlin hat die besten Voraussetzungen, ein großer Hightech-Standort zu sein.

Trotzdem: „Die Hauptstadt ist nicht die Hightech-Metropole Deutschlands“, sagt Rolf Kreibich, Direktor des Berliner Instituts für Zukunftsforschung und Technologiebewertung. Potenzial sei allerdings fraglos vorhanden. Besonders, weil die Stadt ein weites Spektrum an Forschungsfeldern aufweise.

Fünf Zentren, sogenannte Cluster, haben sich in Berlin gebildet: Im Norden der Stadt, in Buch, liegt ein Schwerpunkt der Medizintechnik, im Südosten, in Adlershof, sitzen auf 420 Hektar die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten der Humboldt-Universität, ein Dutzend unabhängige Forschungsinstitute und rund 400 kleine und mittlere Hightech-Unternehmen. Ein Viertel davon stammt aus dem Bereich der optischen Technologien und der Mikrosystemtechnik. Drei weitere Standorte gruppieren sich um die Technische Universität in Charlottenburg, die Charité in Mitte und die Freie Universität in Dahlem. Hinzu kommt eine sechste Ballung vor den Toren der Stadt im Umfeld der Universität Potsdam.

Diese Clusterbildung habe Vorteile, sagt Hertel, Direktor des Max-Born-Instituts für nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie in Adlershof, der den Standort auf Chancen und Potenziale hin untersucht hat. „Räumliche Nähe ist auch in Zeiten des Internets etwas Gutes. Viele Probleme lassen sich von Angesicht zu Angesicht besser lösen als über weite Distanzen, und es kommt zu einer wünschenswerten gegenseitigen geistigen Befruchtung.“

Da liegt seiner Ansicht nach auch das Manko der Stadt. Das Problem Berlins sei nicht die Forschung, sagt Hertel, die könne sich im weltweiten Wettkampf durchaus messen, auf den Feldern der Laser- und der Röntgentechnologie sei die Hauptstadtregion sogar führend. Mangel herrsche an Industrie. Es sei nicht so, dass in der Stadt überhaupt nichts gehe, doch die Zahl der Unternehmen müsse in Zukunft steigen. „Momentan sieht es so aus, dass in Berlin hervorragend ausgebildet wird, die Absolventen jedoch abwandern, weil sie in der Stadt nicht genug Arbeitsplätze vorfinden“, sagt Hertel. Deshalb verlangt er von der Politik eine verstärkte und gezielte Industrie-Initiative. „Berlin hat nicht das Image, eine Stadt zu sein, in der man das große Geld machen kann“. Initiativen gibt es bisher allenfalls in kleinem Rahmen. Der Zukunftsfonds des Landes Berlin unterstützt derzeit vier Innovationschwerpunkte: die Biotechnologie, die Medizintechnologie, die Verkehrs- sowie die Informations- und Kommunikationstechnologien.

Ziel der Maßnahme sei eine Wachstumsförderung dieser Bereiche, erklärt Christian Hammel von der Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin, die den Fonds verwaltet. Die Auswahl erfolgte aufgrund einer Untersuchung der Unternehmensberatung Boston Consulting. Ausschlaggebend war wissenschaftliche Kompetenz auf diesen Feldern und dass eine Anzahl von Unternehmen aus dem Bereichs bereits in der Stadt angesiedelt war. Außerdem sollte es sich um Branchen handeln, die schon hohe Wachstumsraten aufweisen.

Auch eine stärkere Vernetzung der Bereiche Forschung und Industrie steht auf dem Plan. „Unterstützt werden deshalb nur Kooperationen“, sagt Hammel. Seit der Fonds 2001 eingeführt wurde, erfuhren auf diese Weise 24 Projekte eine Förderung von insgesamt rund 33,26 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr kamen sieben neue Projekte hinzu, in die zusammen 15,05 Millionen Euro investiert wurden. Ein weiteres Programm für Förderung von Forschung, Innovationen und Technologien (kurz „Profit“) wird von der Investitionsbank Berlin (IBB) betreut. Aufgewendete Mittel im Jahr 2006: rund 36 Millionen Euro. Im Unterschied zum Zukunftsfonds ist bei „Profit“ aber auch klassische Einzelunternehmensförderung möglich.

In den Augen von Rolf Kreibich reichen diese Maßnahmen jedoch nicht aus. Um Berlin nach vorne zu bringen, müsse in der Stadt nicht nur die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Produktion, sondern auch die interdisziplinäre Arbeit stärker gefördert werden. „Das Problem besteht darin, dass einzelne Technologiefelder ausgeguckt und dann unabhängig voneinander finanziert werden.“ Wünschenswert wäre allerdings eine fachübergreifende Arbeit. Die Zukunft entwickle sich schließlich nicht entlang der Physik oder Chemie, sondern gesamtgesellschaftlich.

Chancen sieht Rolf Kreibich für Berlin derzeit vor allem im Bereich der Medizintechnologie und der Informations- und Kommunikationsbranche. Die erwirtschaftet in der Region Berlin-Brandenburg mit 3700 Unternehmen bereits jährlich rund 5,6 Milliarden Euro. Doch auch hier gelte: Fortschritte können sich nur einstellen, wenn die Verzahnung von Politik, Forschung und Industrie verbessert wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben