Zecken : Der ungebetene Gast

Im Frühjahr gehen die Menschen wieder raus ins Freie – und die Gefahr von Zeckenbissen steigt. Wie man sich schützen kann.

Gwendolin Gurr
Überträger. Zecken können Borreliose und andere Krankheiten weitergeben.
Überträger. Zecken können Borreliose und andere Krankheiten weitergeben.Foto: P. Pleul/dpa

Wenn nach einem Waldspaziergang in der Kniekehle, am Haaransatz oder unter den Achseln plötzlich ein schwarzes Spinnentier mit acht winzigen Beinen sitzt, hat sich ein ungebetener Gast eingenistet: Die Zecke, auch Holzbock genannt. Vom hohen Gras oder Busch abgestreift, krabbeln die Spinnentiere auf Kleidung und Haut, bis sie eine geeignete Stichstelle gefunden haben, und saugen sich fest. Das Gefährliche: Einige haben sich zuvor mit Bakterien oder Viren infiziert, die sie an Menschen weitergeben können. Die häufigsten Krankheiten, die Zecken übertragen, sind Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Das Risiko besteht in ganz Deutschland. Besonders an Waldrändern tummeln sich die Parasiten, aber auch in Parks. Sie halten sich vorzugsweise in feuchten Gebieten auf. „Zecken bevorzugen als Lebensraum Unterholz und hohes Gras“, sagt Hendrik Wilking, Infektionsepidemiologe am Robert-Koch-Institut. Zum Lebensraum zählen vor allem Laub- und Mischwälder. Auch in feuchten Nadelwäldern und beschatteten Wiesen und auf Bäumen können sie vorkommen. Um sich zu ernähren, benötigt die Zecke das Blut von Wirbeltieren: Säugetiere, Vögel oder Reptilien. Auch Menschen, wenn sie sich in der freien Natur bewegen, fangen sich immer wieder Zecken ein. Dass sie ihre menschlichen Opfer schon auf meilenweiter Entfernung riechen, sich ihnen nähern und gezielt zugreifen, stimme jedoch nicht, sagt Wilking. „Die Zecke wird im Vorbeigehen von einem Grashalm oder Ast einfach abgestreift. Sie sucht sich nicht aktiv ihre Opfer.“ Die Tiere müssen also unter Umständen lange warten, bis sie zufällig von einem potenziellen Wirt mitgenommen werden. Das ist dann erst einmal ihre einzige Chance auf Nahrung, und die nehmen sie umgehend wahr. Schließlich kann es sein, dass sich die nächste Mahlzeit erst in zwei bis drei Jahren ergibt. So lange können die Tierchen ohne Nahrung überleben.

Am besten schon in der Natur achtsam sein

Auch der Mythos, dass heimische Zeckenarten Menschen mit bestimmter Körperwärme oder bestimmtem Geruch bevorzugen, treffe nicht zu, sagt Infektionsspezialist Wilking. Vielmehr ist das Verhalten des Menschen entscheidend dafür, ob er oft von Zecken gestochen wird oder nicht. Häufiger Kontakt von bloßer Haut mit niedrig gewachsenen Pflanzen erhöht die Wahrscheinlichkeit. Dies trifft besonders auf Kinder zu. Um Zeckenstichen und dem Risiko übertragbarer Krankheiten vorzubeugen, sollte man also schon in der Natur achtsam sein. „Lange Hosen, hohe Schuhe und Socken können Zecken abhalten“, sagt Wilking. Außerdem sei es hilfreich, Hosen in Socken zu stecken. So läuft die Zecke auf der Kleidung den Körper hoch und findet erst spät oder bestenfalls gar keinen Zugang zur Haut. Helle Kleidung erleichtert die Suche nach den Tieren. Auch sogenannte Repellentien – chemische Schutzmittel gegen blutsaugende Insekten – können die ungebetenen Gäste fernhalten. Das Mittel wird auf Haut und Kleidung aufgetragen und hält ein bis zwei Stunden. Wer sich länger im Freien aufhält, sollte es mehrmals anwenden. Der sonst übliche und empfohlene Schutz ist aber auch dann weiterhin notwendig. Denn meist werden nicht alle Hautflächen mit Repellentien erreicht, Flächen unter der Kleidung oder am Kopf bleiben oft unbehandelt. Zecken, die auf diese Hautstellen gelangen, können also trotzdem zustechen.

Genauso wichtig wie Schutz in der Natur ist das anschließende Absuchen des Körpers. Denn auch dann können Zeckenstiche und Infektionen noch verhindert werden. Oft stechen die Blutsauger nicht sofort zu, sondern krabbeln noch auf Körper oder Kleidung. Wilking empfiehlt, zu duschen sowie Körper und Kleidung gründlich abzusuchen. Auch Stellen, die nicht sichtbar sind: Haaransatz, Achseln, Kniekehlen. „Zecken mögen gerade diejenigen Stellen des menschlichen Körpers, die warm und feucht sind“, sagt der Experte. Wer eine Zecke am Körper entdeckt, sollte sie schnellstmöglich entfernen: Mit einer Zange oder Pinzette, zur Not auch mit dem Fingernagel die Zecke vorne am Kopf packen und mit einem guten Zug herausziehen. Auf keinen Fall solle man an dem Tier herummanipulieren oder es reizen. Es sollte auch nicht mit Öl oder Klebstoff beträufelt oder beim Entfernen gedreht werden, wie es der Mythos will. Jegliche Reizung kann dazu führen, dass die Zecke ihren Speichel und somit mögliche Krankheitserreger an den Wirt abgibt. Nach dem Entfernen sollte die Wunde desinfiziert werden.

Wecken und Wirte wandern weiter in neue Gebiete

Für Borreliose ist ganz Deutschland Gefahrengebiet. FSME-infizierte Zecken leben vor allem im Süden, meist im Schwarzwald. Aber auch in Regionen, die an Österreich oder Tschechien grenzen, wird der Erreger häufig übertragen. Die Zecken selbst stecken sich bei ihren Wirten oder gegenseitig an. Wenn eine Zecke das Blut einer infizierten Maus saugt, kann sie die Erreger bei der nächsten Mahlzeit weitergeben. „Saugen zwei oder mehrere Zecken am gleichen Wirt Blut, kann eine infizierte Zecke den FSME-Erreger über den Wirt auch an die anderen Zecken abgeben“, sagt der Experte. Sowohl Zecken als auch Wirte wandern dann weiter in neue Gebiete und nehmen die Erreger mit. Deswegen liegen neue FSME-Risikogebiete meist neben bereits registrierten. Dass sich FSME-infizierte Zecken massenhaft nach Norden ausbreiten, hält Wilking für theoretisch möglich, auch wenn er diese Entwicklung wegen der klimatischen Gegebenheiten derzeit noch nicht sieht.

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